Samstag, 18. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 22

„Sehr angenehm. Ich bin Kommandant Erwin Roggel, aber Sie werden mich einfach Kommandant nennen. Herr Kommandant. Nun, wie gesagt werden Sie Ihre Vorräte umlagern, zum Wohle unserer einst so glorreichen Nation. Doch zuvor möchte ich Sie hier willkommen heißen, während Sie ihre Kameraden mit dem Start des Projekts beauftragen“, flötete er förmlich, während hinter uns die Tür aufging und vier bullige glatzköpfige Schwarzhemden eintraten.

Obwohl es jeder kapiert hatte, musste Keller, der sich mittlerweile wieder so halbwegs aufgerappelt hatte, das Offensichtliche natürlich aussprechen: „Sie meinen, wir werden hier als Geiseln gehalten, bis Sie unsere Vorräte erhalten haben?“

Wie zuvor wurde sein Verhalten von Zwerg Nase bestraft und wieder ging er mit verzerrtem Gesicht zu Boden. Ich hoffte inständig, dass er dieses Mal einfach liegen blieb und seine Schnauze hielt. Auch wenn ich ihn nicht besonders ausstehen konnte, war er mir doch lieber, als unser Aushilfs-Adolf und seine brutalen zwielichtigen Spießgesellen.

„Geisel ist so ein hartes Wort. Ich empfinde Sie mehr als unsere Gäste und als solche werden Sie hier natürlich auch behandelt werden. Natürlich mit einigen Einschränkungen, aber Gastfreundschaft steht bei uns an erster Stelle, nicht wahr Albert?“

„Natürlich Herr Kommandant. Wir wissen schließlich, wie man mit Gästen umgeht.“ Sprach und winkte die neu hinzugekommenen Kameraden hinzu, uns Gesellschaft zu leisten. Die setzten sich in Bewegung und wie sie so auf uns zuwankten, fühlte ich mich an lebende Schränke erinnert. Ich muss sagen, ich hatte in dem Moment ordentlich Respekt vor den vier Gestalten. In Friedenszeiten waren es wahrscheinlich Verlierer, die sich mit Gaunereien und Gefängnisaufenthalten über Wasser hielten, aber hier, in der Krise, waren sie in ihrem Element. Jeder von uns bekam einen eigenen Begleiter zugeteilt, die uns auch sogleich die Rücksäcke abnahmen. Die wussten wirklich, wie man mit Gästen umgeht.

„Ich nehme an, Sie haben ein Funkgerät mit?“, richtete Roggel erneut die Worte an mich.

„Natürlich. Wenn mir Ihr charmanter Untergebener bitte wieder meinen Rucksack reichen würde, könnte ich sogleich danach suchen“, erlaubte ich mir einen Funken Sarkasmus, was zum Glück ohne Folgen blieb.

Natürlich bekam ich meinen Rucksack nicht zurück, und mein neuer kleinkrimineller Freund durchwühlte meine mitgebrachte Ausrüstung. Selbstverständlich entdeckte er die Schokolade, die ich eigentlich für meinen Sohn aufbewahren wollte und steckte sie sich herrlich unbeholfen beim Versuch das vor mir zu verbergen in seine Beintasche. Wäre es nicht so traurig, hätte ich lauthals losgelacht. Eins stand fest: keiner von diesen traurigen Gestalten war in der Lage gewesen, sich einen Plan zu überlegen, in dieser neuen Welt länger als einen Tag zu überleben. Kann sein, dass Roggel hier im Knast eine große Rolle spielte, aber es musste noch eine Organisation darüber geben.

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