Dienstag, 21. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 25

Noch bevor Sebastian sich erheben konnte, traf ihn der schwere Stahlkappenstiefel seines Opponenten. Wieder und wieder hieb Albert auf ihn ein, bis statt Schmerzensschreie nur noch ein mitleiderregendes Wimmern kam. Immerhin brachte er ihn nicht um, was mich dann doch überraschte. Teilnahmslos mussten wir dabei zusehen, wie er da wimmernd am Boden lag und nur noch halbherzig den Versuch unternehmen konnte, seinen Kopf und den Körper mit den Armen zu schützen.
 
„Nehmt das Stück Scheiße hier mit und lasst euch das eine Lehre sein“, höhnte Sackschneider in unsere Richtung und spie einen dunklen Schleimfetzen auf den am Boden liegenden, als hätte er darin seine ganze Ablehnung uns gegenüber konzentriert. Der Lektion war es eigentlich nicht nötig. Der Tod unseres Begleiters hatte uns bereits eindrücklich vor Augen geführt, wie wenig unsere Leben hier wert waren.
 
Die Hand an meiner Schulter lockerte sich und ich sah vorsichtig zu Martin. Dem stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Seine Haut war kalk weiß und der ganze Körper seltsam schlaff. So schlaff, dass er zusammen klappte, als sich die Hand seines Bewachers von seiner Schulter löste. Wie ein nasser Sack brach er zusammen, die Augen noch immer aufgerissen und am ganzen Körper zitternd.
 
Genau das hatten wir jetzt gebraucht. Einen Schwätzer, der dann die Nerven verliert, wenn es ernst wird. Es war wohl weniger sein Geschwätz, warum er dem Oberst überflüssig erschienen war. Viel mehr schien es daran zu liegen, dass er sich in die Hosen machte, wenn es hart auf hart kam. War aber wahrscheinlich auch die Schuld der Schildhäuser. Immerhin die anwesenden Schwarzhemden nahmen Gmeinwiesers Schwächeanfall amüsiert zur Kenntnis. Selbst die Schränke gaben so etwas Ähnliches wie Lachgeräusche von sich, was mich aber mehr an einen außerirdischen Jäger erinnerte, der in mehreren Filmen sein Unwesen trieb.
 
Sich den Bauch vor Lachen haltend ging Sackschneider an uns vorbei zur Tür und verschwand noch immer lachend dahinter, während ich zuerst zu Martin ging. Um Sebastian zu helfen, würde ich wiederum seine Hilfe brauchen. Der letzte Erste Hilfe Kurs war lang her und alles was mir einfiel, war seine Füße hoch zu legen. Dazu zog ich meine Jacke aus, die mir ohnehin viel zu warm geworden war, knüllte sie zusammen und legte sie unter seine Füße.
 
Danach ging ich geduckt und nicht zu schnell weiter zu Sebastian, der noch immer gekrümmt auf der Seite lag und leise vor sich hin wimmerte. Als ihn meine Hände berührten, zuckte er zusammen, als würde er weitere Schläge erwarten. Mit gedämpfter Stimme redete ich ihm gut, setzte vorsichtig an, und drehte ihn auf den Rücken. Sein Gesicht musste auch von mindestens einem Tritt getroffen worden sein. Ein Auge war bereits zugeschwollen, die Lippe geplatzt und die Nase seltsam verzogen. Blut lief in dünnen Bahnen daraus hervor und unter der blutenden Lippe fehlte ein Zahn.
 
Ratlos kniete ich neben ihm und wusste nicht so recht, wie ich weiter verfahren sollte. In dem Moment ging die Tür wieder auf und Sackschneider kam mit zwei Männern in den Raum, die eine olivgrüne Uniform trugen, wie sie auch an uns Unterstützungskräfte ausgegeben wurde. Einer der beiden trug einen rotgelben Rucksack, der so gar nicht zu dem hier herrschenden Dresscode passen wollte. Noch immer grinste Sackschneider, was der ohnehin hässlichen Fratze eine weitere Dimension Grausamkeit verlieh. So sehr ich noch kurz zuvor über diese Karikatur eines Menschen amüsiert war, so sehr kehrte sich das jetzt in reinen Hass. Natürlich wusste ich, dass ich es hier mit keinen Waisenknaben zu tun hatte, aber die gezeigte Kaltblütigkeit war doch noch immer ein Schock für mich.

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