Mittwoch, 22. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 26

Den Gesichtern der beiden Neuankömmlinge konnte ich entnehmen, dass sie die kindliche Begeisterung des sadistischen Arschlochs über das Elend anderer Menschen nicht teilen wollten. Eher leicht geschockt und angewidert nahmen sie die Leiche zur Kenntnis. Das war sicher nicht die erste Leiche, die sie in dem Büro vorgefunden hatten und würde wahrscheinlich auch nicht die Letzte bleiben. Auch sehr wahrscheinlich fand ich, dass sie diesen Umstand nicht besonders gut hießen, aber trotzdem einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatten. Immerhin konnten sie das Leid derer lindern, die Roggel und Sackschneider am Leben ließen. Nachdem sie sich einen kurzen Überblick verschafft hatten, teilten sie sich auf, und gingen auf Sebastian und Martin zu. Der Rucksack wurde aufgeschlagen und offenbarte diverse Medikamente und medizinisches Material, wie es auch Notärzte trugen.
 
Ohne lange zu überlegen, wurden Spritzen gefüllt und den am Boden liegenden verabreicht. In Gmeinwiesers Gesicht kehrte Leben zurück, die Starre verschwand aus den Augen und Blut durchströmte die Adern. Bei Sebastian dagegen verstummte das Gewimmer und ein beinahe friedlicher Ausdruck machte sich auf seinem Gesicht breit.
 
„Bringt die Maden aus meinem Zimmer“, befahl Roggel. „Und schickt jemand rein, der die Sauerei hier wegmacht. Die Überreste könnt ihr verfüttern.“
 
Mit der Hand machte er eine Bewegung, als wollte er lästige Fliegen verscheuchen und drehte sich demonstrativ mit seinem Stuhl weg vom Geschehen im Raum zum Fenster hin. Wie zuvor Anabela trafen die Sonnenstrahlen auf ihn, verliehen ihm aber kein glanzvolles Äußeres, sondern tauchten ihn in eine rote unheilvolle Aura.
 
Vorsichtig hoben die Sanitäter Keller auf, nahmen ihn unter ihre Schultern und schleiften ihn aus dem Raum. Weil Martin noch immer leicht benommen am Boden saß, wurde er von seinem persönlichen Betreuer hochgerissen und in Richtung der Tür gestoßen. Nur mühsam schaffte er es dabei sein Gleichgewicht zu halten und wäre beinahe gegen den Türstock geprallt, konnte sich im letzten Moment aber noch fangen und hielt sich stattdessen daran fest.
 
Um nicht in den Genuss der gleichen Vorzugsbehandlung zu kommen, machte ich mich allein auf den Weg und achtete peinlich genau darauf, möglichst keinen Vorwand für einen Übergriff zu liefern. Die Übergriffe kamen spätestens dann, wenn unser Alleinherrscher meine Finte bemerkt hatte. Einen Plan hatte ich noch nicht. Aber entweder hatte ich bis dahin das Gefängnis verlassen, oder dabei den Tod gefunden. So zumindest mein Plan.
 
An der Tür angekommen, griff ich Martin unter die Arme und lastete mir sein Gewicht auf die Schultern. Wortlos aber sichtlich dankbar nahm er das Angebot an und verlagerte seine Linke auf meine Rechte. Zuerst überraschte mich sein Gewicht und ich sackte leicht nach unten, fing mich aber rechtzeitig und drückte uns wieder nach oben. Ganz offensichtlich wurden wir gut verpflegt.
 
Durch das Vorzimmer stapfend versuchte ich wieder einen Blick auf Anabela zu werfen, die ihn dieses Mal aber nicht erwidern wollte. Ohne aufzuschauen, widmete sich weiter aufmerksam ihrem Computermonitor und tippte geheimnisvoll auf der vor ihr liegenden Tastatur. Aus dem Vorraum heraus wurden wir wieder auf den Flur hinaus dirigiert. An der ersten Türe bogen die Helfer mit Sebastian ab und ließen Martin und mich mit unseren vier neuen Freunden zurück.
 
„Los, vorwärts.“, grunzte das Schwein, das meinen Rucksack und die Schokolade konfisziert hatte und setzte sich an die Spitze.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen