Donnerstag, 23. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 27

Es ging wieder zurück ins Treppenhaus und von da in den Flur hinter dem Besucherraum. Dieses Mal führte unser Weg aber in einen der Zellentrakte. Die geöffnete Tür gab den Blick auf den dahinter liegenden Trakt frei, der sich in seiner grau grünen Farbgebung genauso wenig von den davor liegenden Fluren abhob. Statt mit Stahltüren wurden die Wege hier aber durch Gittertüren blockiert. Davor lag ein Arbeitsplatz für zwei Wärter hinter schusssicherem Glas, von denen aber nur einer besetzt war.
 
Auch hier tat ein Typ Dienst, der dem Bodensatz der Gesellschaft entsprungen zu sein schien. Ein Reichsadler breitete seine Schwingen zwischen seinen Schulterblättern aus, unter seinem fleckigen Unterhemd (irgendwann weiß) ragte eine Reichskriegsflagge heraus und auf den muskulösen Armen waren diverse Größen des dritten Reichs verewigt. Im Gegensatz zu den bisherigen Herrschenmenschen wirkte der Typ aber eher drahtig und gut trainiert. Alles in allem sah es aus, als säße er auf der falschen Seite der Gitter.
 
„Hermann, Kundschaft.“, grölte einer unserer Bewacher, der Einfachheit halber nannte ich Bubba, was Hermann dazu veranlasste, seinen Landser-Roman wegzulegen und den Türöffner zu betätigen. „Wurd auch mal Zeit. Hier wurd’s schon langweilig. Sind das die, die hier dauernd rumfunken?“
 
„Halt die Klappe und lies dein Buch weiter.“, schnauzte ihn der Blutverschmierte an, während er die Tür aufzog. Unaufgefordert ging ich weiter und zog Martin mit mir.
 
Die letzte Zelle am Flur wurde zu meiner, nebenan wurde Martin einquartiert. Kaum dass ich ihn auf dem Bett abgeladen hatte, wurde ich auch schon wieder hinausgeführt, und die Tür nach mir ins Schloss geworfen. Nachdem sie meinen Rucksack nochmal durchsucht hatten, wurde er mir um alles für sie Verwertbare erleichtert überreicht. Neben dem Funkgerät fielen ihnen dabei alle Nahrungsmittel zum Opfer. Immerhin blieb mir noch die Wechselgarnitur. Es war eher zweifelhaft, ob uns hier Kleidung gereicht würde.
 
Als hinter mir die Tür ins Schloss fiel, sah ich mich in der Zelle etwas näher um. Das Bett war den Gestellen in unserem Bunker nicht unähnlich. Ein simpler Verbund von Rohren mit einer Liegefläche aus sich kreuzenden Stangen mit einer Schaumstoffmatratze, auf dem zwei Decken mit der Aufschrift „Bund“ lagen. Eine Toilette und ein Waschbecken mussten für die Notdurft reichen und im Schrank lagen sogar noch einige persönliche Gegenstände des Vorinsassen, darunter eine Seife, ein benutztes Handtuch, ein Buch über eine Zombieinvasion in Deutschland von dem Weltklasseautor Thomas Hubertus und ein Radio.
 
Letzterem widmete ich auch sogleich meine ganze Aufmerksamkeit. Aus unzähligen MacGyver-Folgen wusste ich, dass es ein Leichtes war, ein Radio zu einem Funkgerät umzubauen. Sofort machte ich mich ans Werk, vermisste aber schmerzlich einen Schraubenzieher, oder zumindest ein Taschenmesser, wie es Mac immer bei sich trägt. Von einer Büroklammer und einem Kaugummi ganz zu schweigen. Dann fiel mir ein, dass ich auch mit einem Schraubenzieher keine Ahnung gehabt hätte, was ich damit anfangen sollte und widmete mich stattdessen der Suche nach einem Sender.

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