Samstag, 25. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 29


So vergingen die Tage.

Die Mittagessen vermochten die Tristesse nicht wirklich aufzuhellen. Den Umständen geschuldet war es meist aus den Notrationen und Lebensmittelreserven zusammen gekochte Pampe, die nur den Sinn hatte den Magen zu füllen. Gebracht wurde das Essen von einem namenlosen Wirrkopf, der zum Essen meist noch unverständliches Zeug brabbelte. In den Momenten war ich dann meist recht froh, dass uns eine schwere Stahltür voneinander trennte, obwohl ich mir nach mittlerweile sieben Tage nichts mehr als einen Menschen zum reden gewünscht hatte.

Auch Hermann hatte meist nur wenige Worte für mich übrig, wenn er immer noch zur Abendzeit irgendwas vorbei brachte. Am zweiten Abend warf er mir einen Packen Landser-Romane durch den Schlitz und ich bin mir sicher, dass da eine gute Absicht dahinter stand. Aus Mangel an Alternativen widmete ich mich nach dem übrigens ausgezeichneten Zombie-Roman der fiktiven Helden-Mär aus dem zweiten Weltkrieg und war entsetzt über so viel unreflektierten und makellosen Heldenmut in den deutschen Reihen.

Trotz des naiven Schreibstils und den banalen Geschichten, die sich stets um die gleiche Narrative aus Stolz, Heldenmut und Kameradschaftlichkeit drehten, vertrieben sie mir die Zeit in meiner Isolation. Angesichts der zur Schau gestellten Tapferkeit und Überlegenheit des deutschen Landsers war es mir aber ein Rätsel, wie wir den Krieg verlieren konnten. Zusammen mit dem unverständlichen Gebrabbel aus dem Radio hatte ich so wenigstens ansatzweise ausreichend Unterhaltung, dass die kurzen Tage relativ schnell vergingen. Erst wenn die Sonne unterging und die Notbeleuchtung Lesen unmöglich machte, zog sich die Zeit ins Unendliche, bis mich der Schlaf von der Qual der Einsamkeit erlöste.

Nach genau acht Tagen öffnete sich um ersten Mal die schwere Stahltür und offenbarte mit Bubba und Trollster zwei der Menschenaffen, die uns damals in die Räumlichkeiten verlegt hatten. Wie könnte ich auch jemals die tumben Schweinsäuglein vergessen, die noch immer tief in den Augenhöhlen verloren funkelten und mir so verloren schienen, wie die arme Seele dahinter. Tief im Inneren dieses tumben Riesen saß ein verletzlicher Kern, gut geschützt vor den Blicken der Umwelt. Aber ich sah ihn. Ich sah seine Aura. Sie strahlte Unsicherheit und eine tiefe Traurigkeit aus. Von einer Sekunde auf die andere war es für mich offensichtlich, während sein Begleiter gänzlich unbedarft schien.
 
Für eine Sekunde war es, als könnte ich in sein Innerstes sehen und ich sah schreckliche Dinge. Wie ein Schlag traf es mich in den Unterleib und ich wankte, angesichts der schrecklichen Bilder. Gewalt gegen ihn, gegen andere, Gewalt, die ihn ein Leben lang verfolgte und ihm zu dem machte, was er jetzt war. Die erste Hälfte seines Lebens war er Opfer gewesen und hatten ihn zum Täter gemacht. Jetzt rächte er sich an denen, die ihm Leid angetan hatten und denjenigen, die dafür standen, oder er dafür verantwortlich machte.

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