Sonntag, 26. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 30

Ich sah die winzigen Brandnarben auf den Armen und wusste woher sie stammten. Ich sah die Zigarettenstummel, ich sah das von Wut und Alkohol entstellte Gesicht seines Vaters und seine Hand, die auf den zerbrechlichen Körper herunter raste. Ich roch Alkoholausdünstungen, spürte seine Furcht und sein Verlangen, nach der Liebe seines Vaters. Jeder Schlag entfernte ihn davon, obwohl seine einzige Hoffnung immer wieder war, dass er ihn danach in den Arm nehmen würde. Trotz der Schläge sehnte er sich nach der Geborgenheit seines Vaters und doch blieb ihm diese Geborgenheit Zeit seines Lebens verborgen.
 
Seine Mutter starb früh, zu Tode geprügelt von seinem Vater, als er sie erwischte, wie sie vor Trollster mit irgendeinem Loser vögelte. Nicht nur musste er mit ansehen, wie seine Mutter zu Tode geprügelt wurde, auch das voran gegangene Liebesspiel brannte sich für immer und ewig in sein Gedächtnis und zerstörte sein Verhältnis zum Geschlechtsverkehr bis in die Gegenwart.
 
Auch, als sein Vater in den Knast ging, wollte sein Leidensweg nicht enden. Pflegefamilien durften sich abwechselnd an ihm abreagieren, oder an ihm verzweifeln. Er wurde halb tot geprügelt und ein perverses Schwein verging sich sogar an ihm. Dann traf er auf eine Gruppe Neonazis und fand dort, was ihm in seinem Leben immer aberkannt wurde. Dort fand er Respekt und schnell einen Weg, seinen Hass zu kanalisieren. Die Gruppe lieferte die Erklärungen, nach denen er ein Leben lang gesucht hatte. Erklärungen für den Hass und die Niedertracht der anderen Menschen. Ein simples Feindbild, wie geschaffen für einen spätpubertären Heranwachsenden, dem ein Leben lang nur Hass entgegenschlug.
 
Mit dem Feindbild kamen die Schlägereien. Der erste Schlag war wie eine Befreiung und mit jedem weiteren Schlag entlud sich all der Frust, der sich jahrelang in ihm aufgestaut hatte. Immer wieder schlug er zu, bis seine Knöchel offen lagen, wundgeschlagen an den Schädelknochen seines ersten Opfers. So viel Hass, so viel Verzweiflung machten sich an diesem Tag Luft, dass er sein Opfer komplett verstümmelte. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich frei und Schuldgefühle blieben ihm fremd.
 
All diese Eindrücke stürmten auf mich ein. Innerhalb von Sekundenbruchteilen füllten sie mich aus und ich fand auch einen immer wiederkehrenden Namen. Ben, Benjamin, Benny und wieder Ben. Ein eher ungewöhnlicher Name für diesen auf den ersten Blick emotionslosen Schläger.
 
Als er in die Zelle kam um mich mitzureißen, gab ich ihm keine Gelegenheit, seinen Frust an mir auszulassen und sprang lieber schnell auf.

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