Montag, 27. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 31

„Los, mitkommen“, knurrte mich der nicht länger Unbekannte an. Nein, er war mir in dem Moment näher, als viele andere Menschen, mit denen ich jahrelang befreundet war.
 
Während ich ihm widerstandslos folgte, überlegte ich, ob und wie ich damit umgehen sollte. Vielleicht war es nur eine Wahnvorstellung und selbst wenn nicht, wie würde er damit umgehen, sollte ich ihn mit seiner unrühmlichen Vergangenheit konfrontieren? Würde er mit mir das gleiche anstellen, wie mit seinem ersten Opfer, einem ca. 60 jährigen Obdachlosen? Mit Schrecken dachte ich an sein entstelltes Gesicht, die frei liegenden Knochen, das letzte unauslöschlich in sein Gesicht gemeißeltes Grinsen.
 
„Dein Vater hat dich geliebt“, schoss es einer plötzlichen Eingebung gleich aus mir heraus und im gleichen Moment schien sein Gesichtsausdruck einzufrieren. „Es war der Alkohol, aber er hat dich geliebt. Im Moment seines Todes dachte er nur an dich. Du weißt, wie er gestorben ist, nicht wahr?“
 
„Im Knast verreckt“, murmelte er kaum hörbar und ohne merkbare Regung in seinem Gesicht.
 
„Weißt du, dass Bilder von dir in seiner Zelle hingen? Weißt du, dass er immer ein Bild von dir bei sich hatte, auch an dem Tag, als er niedergestochen wurde?“, fuhr ich der Eingebung weiter folgend fort. „Sein Anwalt war in Kontakt mit dem Jugendamt und hatte ihm die Bilder geschickt. In all den Jahren wolltest du dir die Anerkennung deines Vaters verdienen und dabei hattest du sie die ganze Zeit.“
 
„Ich … ich weiß …“, stammelte er immer noch so leise wie möglich vor sich hin, warf einen Blick über seine Schulter, ging einen Schritt auf mich zu und starrte mir in die Augen. „Woher weißt du das? Wer hat dir davon erzählt? Niemand hier weiß von meinem Alten.“
 
„Das kann ich dir nicht sagen, ich weiß es einfach, Benny. So hat er dich genannt, nicht wahr. In den Momenten, in denen er nicht betrunken war. Benny. Das waren die glücklichen Momente, in denen du gespürt haben musstest, dass hinter seinen Schlägen noch etwas war.“
 
„Ja, Benny. Niemand durfte mich mehr so nennen. Einer Schlampe hab ich die Zähne ausgeschlagen, als sie mich so nannte. Sie musste sich wochenlang von Brei ernähren. Scheiße. Aber es tut weh, so scheiß weh, den Namen zu hören.“
 
Wie zur Bestätigung lief eine einzelne Träne über sein Gesicht und tropfte vor mir auf den Boden. Die zuvor noch selbstbewusste Stimme klang brüchig und gar nicht mehr so stark, wie er seiner Umwelt Glauben machen wollte. Jahrelange Konditionierung in der Verweigerung von Emotionen streift man aber nicht von einer Minute auf die andere ab, so dass er sich schnell wieder gefangen hatte.

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