Mittwoch, 1. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 5

So sehr ich es auch wollte, konnte ich dagegen nichts vorbringen. Auch mein Hinweis, dass wir hier wichtige Arbeit für die Gemeinschaft leisteten, fegte sie beiseite, ohne mir die Möglichkeit zum Widerspruch zu lassen. Nicht die Gesellschaft hatte der Armee zu dienen, sondern die Armee der Gesellschaft. Darauf hatten sie ihren Schwur abgeleistet und das war ihre Aufgabe. Unbeachtet hatte sich unser Land in einen Polizeistaat, oder eine Militärjunta gewandelt und der Oberst war offensichtlich sehr zufrieden mit dem Wandel, dachte er doch nicht daran, hier Abhilfe zu schaffen. Noch lief alles ruhig, weil die Leute beschäftigt waren und sich die Lage besserte. Aber schon bald würden sie erkennen, welches Spiel hier gespielt wurde und aufbegehren gegen jene, die sich die Macht verliehen, die ihnen gar nicht zustünde.
 
Also ließ ich die Kanonade auf mich einprasseln und versuchte nicht weiter, meinen Standpunkt zu verteidigen. Durch die vorübergehende Kontrolle des Militärs waren wir meiner Meinung nach in unseren Entscheidungen wesentlich flexibler und angesichts der von außen kommenden Bedrohung erschienen mir auch die selbstverständlich erscheinenden Machtansprüche des Oberst nicht ungewöhnlich. Bürokratie wurde zu einem Relikt aus Friedenszeiten. An ihre Stelle traten schnell getroffene Entscheidungen, die nicht an Meinungen, sondern an Fakten festgemacht wurden. Entscheidungen, die von einem Mann getroffen wurden und die niemand in Frage stellt, hätte meine Frau vermutlich darauf geantwortet, hätte ich weiter mit ihr diskutiert. Aber irgendwie war sie schon immer die Stimme der Vernunft gewesen, während ich meistens den pragmatischsten und widerstandslosesten Weg gegangen war.
 
Mit einem langen Kuss verabschiedete ich mich schließlich von ihr und all der Ärger wich aus ihrem Gesicht. Stattdessen kamen jetzt wieder die Sorgen um meine körperliche Unversehrtheit zurück und eine Träne bahnte sich ihren Weg über ihre Wangen.
 
“Pass auf dich auf. Versprich mir, dass du keine Risiken eingehst und keinen Unsinn machst. Versprochen?”, drangen die Worte erstickt aus ihrem Mund.
 
“Keine Sorge. Ich komme zurück.”
 
Mehr antwortete ich nicht, nahm zum Abschied noch einmal meinen Sohn hoch, drückte ihm einen Schmatz auf die Stirn und rang ihm das Versprechen ab, sich in meiner Abwesenheit zu benehmen. Dann verließ ich ohne weitere Worte zu verlieren den Raum.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen