Samstag, 4. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 8

Trotz der Eiseskälte erhob sich wie zum Trotz die Sonne und blendete mich mit ihren kräftigen Strahlen. Um meine Augen zu schonen, klappte ich den Sichtschutz herunter und war mehr als dankbar, als sich unsere Fahrtrichtung wieder änderte und ich die Sonne rechts stehen hatte. Sie hüllte Gmeinwieser in ein helles Licht, das ihn einen Moment lang wie eine leuchtende Aura umgab. Für einen Augenblick dachte ich mehr in seinem Gewäsch zu erkennen, als einen Hass auf all das, was er in seinem Leben nicht verstanden hatte. Dann bemerkte ich auch seinen fragenden Gesichtsausdruck.
 
“Ob du noch bei uns bist?”, schien er zu wiederholen.
 
“Ja, äh, natürlich. Warum nicht?”, entgegnete ich überrascht und ertappt. Tatsächlich schoss mir das Blut in den Kopf, weil ich irgendwie erwartet hatte, dass ich mich gedanklich aus dem Gespräch verabschieden konnte, ohne dass er es in seiner Predigt bemerken würde.
 
“Na weil du meine Frage zu ignorieren scheinst”, kam es postwendend zurück. “Ich wollte von dir wissen, ob du schon mal eins von den Viechern erledigt hast.”
 
Um seine Frage zu beantworten, gab ich ihm einen kurzen Bericht meines ersten und bisher einzigen Außeneinsatzes, hielt mich bei den Details aber etwas zurück. Im Gegensatz zu mir war Gmeinwieser ein aufmerksamer Zuhörer, der mich in meinem Vortrag nicht unterbrach, aber ständig bestätigend nickte, oder mit einer großen Palette an Geräuschen seiner Zustimmung Ausdruck verlieh. Als ich mit meinen Ausführungen fertig war, sah er mich mit großen Augen an.
 
“Und wie war es?”, platzte es aus ihm heraus.
 
“Wie war was?”
 
Neugierig lastete sein erwartungsvoller Blick auf mir: “Na, wie war es, einen dieser Bastarde zu erledigen?”
 
Verwirrt sah ich ihn an. “Ich habe mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich hab sie getötet, um nicht selber getötet zu werden.”
 
“Ach komm, du hast es genossen.”, kam es betont unterschwellig aus Martins Mund. “Es ist doch ein tolles Gefühl, die Bastarde für alles büßen zu lassen, oder?”
 
Mir war nicht ganz so klar, worauf er hinauswollte, fand es aber eine interessante Abwechslung mit ihm eine Konversation führen zu können. “Warum sollte ich das toll finden? Mein Gott, das waren mal Menschen und wir schlachten sie wie Vieh. Gut fühlen soll ich mich dabei? Scheiße hab ich mich gefühlt.”
 
“Das sind doch keine Menschen, oder zumindest jetzt nicht mehr. Das sind doch nur noch gewalttätige Tiere und wir müssen uns unser Land zurück erobern. Fuck, wenn das nur über die Ausrottung der anderen Spezies geht, dann sei es so. In der Evolution läuft es doch genauso. Der Stärkere frisst den Schwächeren, die überlegene Spezies setzt sich durch. Ganz ehrlich, ich habe keine Lust, die unterlegene Spezies in diesem Kampf zu sein. Fuck them.”
 
Evolution. Die überlegene Spezies. Irgendwie hatten seine wirren Gedanken tatsächlich einen interessanten Aspekt hervorgebracht. Stand die Menschheit tatsächlich vor einem evolutionären Sprung zu einer neuen robusteren Spezies, frei von allen gesellschaftlichen, moralischen und technologischen Zwängen, der wir uns in den vergangenen Jahrhunderten immer häufiger und auffälliger unterworfen haben?
 
“Und warum sollten wir uns dagegen wehren? Warum sollten wir nicht der nächsten Evolutionsstufe den Platz freimachen?”, sprach ich meine weiteren Gedanken frei aus.
 
Die Diskussion schien ihn zur Weißglut zu treiben. Seine nächsten Worte schrie er mir förmlich ins Gesicht. “Weil das ein Rückschritt ist. Weil wir uns nicht Jahrtausende zu den Menschen entwickelt haben, die wir jetzt sind, um von einem Tag auf den anderen von diesen Werwölfen ausgelöscht zu werden. Fuck them all.”

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