Sonntag, 5. Mai 2013

Kapitel 4 - Teil 9

Irgendwann hatte ich in unserem Dialog den Punkt erreicht, an dem ich nur noch dagegen argumentieren wollte. Es gefiel mir, wie die Narbe unter seiner Erregung weiß leuchtete, während sein Gesicht in dunkles Rot gehüllt war. Seine Erregung war förmlich spürbar und hatte etwas Befriedigendes für mich. Nicht so sehr, weil es mir Spaß machte ihn zu ärgern, sondern weil es für mich eine Art der Revanche war, zuvor seinem Redeschwall ausgesetzt gewesen zu sein.
 
“Aber sieh es doch mal positiv“, setzte ich also wieder an. „Ohne Menschen gibt es auch keine Schildhäuser mehr. Ich bin mir sicher, dass die Dinger da keine Geheimlogen gründen werden”, gab ich amüsiert zurück und konnte trotz des an sich ernsten Themas nur mühevoll ein Lachen unterdrücken.
 
“Ach, fuck, Leck mich doch.”. Statt einer ausführlichen Antwort erntete ich nur trotziges Schmollen und immerhin Ruhe für die restliche Fahrt, die uns jetzt einen Berg hoch führte. Unangenehmer Druck machte sich in meinen Ohren breit und verschwand nach beherztem Gähnen auch wieder. Gerade wollte ich mich bei unserem Scarface für meine Bemerkung entschuldigen, als das Funkgerät knackte und uns informierte, dass unser Ziel in Sichtweite lag.
 
Wie vereinbart machte der führende Panzer Platz und wir nutzten die Lücke, um uns neben dem anderen Geländefahrzeug zu postieren. Wir hatten jetzt freien Blick auf die ehemalige JVA. Auf freiem Feld lag sie von unserer Position aus etwas tiefer gelegen da wie eine uneinnehmbare Trutzburg. Hohe Zäune und Mauern umgaben das Gebäude und wahre Leichenberge bestätigten die Geschichten der Panzerbesatzungen. Zwischen den Leichen schlängelte sich eine freie Trasse, die zu einem der Tore führte. Die Gebäude selbst wirkten friedlich und von außen war entgegen der damaligen Funkübertragungen nicht zu erkennen, dass hinter diesen Mauern Leben herrschte.
 
Dank der niedrigen Temperaturen war auch der Gestank an diesem Morgen nicht so ausgeprägt, wie die Tage zuvor. Still saßen wir da und beobachteten einfach nur das, was da vor uns lag. Über das Funkgerät konnten wir die Kontaktaufnahmeversuche der Fernmelder in den Panzern mithören, bis sie die Frequenz wechselten. Für eine Sekunde meinte ich ein Licht aufblitzen zu sehen, das aber sogleich wieder erlosch. Ansonsten lagen die Mauern weiter still, teilnahmslos und bewegungslos vor uns.
 
Nach der vereinbarten Stunde kam der Befehl vorzurücken. Hatte ich mir vorher keine Gedanken gemacht, kam jetzt das flaue Gefühl im Magen. Noch wussten wir nicht, was uns dort erwarten würde. War das Gebäude tatsächlich noch von Menschen besetzt und wenn ja, in welchem Zustand waren sie? Befanden sich Armee-Einheiten dort, oder setzte sich lediglich eine Gruppe ehemaliger Gefängniswärter den anstürmenden Horden zur Wehr? Und wenn, würden sie uns passieren lassen, oder schon von weitem das Feuer auf uns eröffnen?
 
Obwohl ich mir einredete, dass schon alles gut gehen würde, zitterten meine Hände, während ich den Zündschlüssel im Schloss herumdrehte. Ich schrieb es den mittlerweile eisigen Temperaturen im Fahrzeuginneren zu. Brummend erwachte der Dieselmotor zum Leben und stieß hinten eine dunkle Rußwolke aus. Die Lüftung erwachte ebenso wieder und blies kalte Luft aus. Klappernd trafen meine Kiefer aufeinander und erneut schrieb ich es nur der vorherrschenden Kälte zu. Ein Blick nach rechts zeigte mir meinen Begleiter wieder mit hochrotem Kopf und starr nach vorne gerichteten Augen. Ganz offensichtlich gingen auch seine Gedanken darum, was uns dort erwarten würde.

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