Sonntag, 30. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 64

„Sehen Sie? Das war ein nördlicher Grenzposten. Innerhalb weniger Minuten drangen an allen Grenzabschnitten Horden der Viecher in die Türkei ein und überrannten die ersten Abwehrstellungen. Wenige Stunden später waren sie bereits mehrere Kilometer weit ins Landesinnere vorgedrungen. Sie töteten alles, was sich ihnen in den Weg stellte. Allein die Verluste in den ersten Stunden waren gigantisch. Wir konnten einen Hilferuf der Türkei auffangen, in dem sie die arabischen Staaten um Beistand baten, darauf aber keine Antwort erhielten.

Die Regierung wurde auf Zypern evakuiert, innerhalb einer Woche war das halbe Land unter Kontrolle der Aggressoren. Können Sie sich das vorstellen? Die Türkei verfügte über eine schlagkräftige und gut ausgerüstete Armee. Kampfhubschrauber, Flugzeuge und gepanzerte Fahrzeuge. Dazu fast keine Verluste durch diese schreckliche Musik. Die türkische Armee war quasi intakt, als die Katastrophe losbrach. Zwei Wochen später wurden die letzten offiziellen Funksprüche abgesetzt. Ein Ankara verteidigender Offizier betete über Funk zu Allah, bat um Verzeihung für seine Sünden und wünschte den Menschen dieser Erde Glück und Allahs Segen. Ein Schuss beendete die Übertragung.

Sind das ihre friedfertigen Kuschelmonster?

Ähnliche Berichte erreichten uns aus China, auch wenn dort entlang der chinesischen Mauer eine sichere Defensivstellung errichtet werden konnte. Können Sie sich das vorstellen? Ausgerechnet dieses antike Gebäude, Zeuge der antiken Kriegsführung, bietet heute Schutz für Millionen von Menschen. Auch Nordkorea konnte wohl von seiner Lage und gut gesicherten Grenze profitieren.

Ist das nicht ironisch, dass ausgerechnet jene Staaten sich der Bedrohung erwehren können, die sich dem westlichen Weg und der sogenannten Freiheit verschlossen haben? Natürlich ist es das. All die Toleranz, die wir der Kultur und anders denkenden entgegen brachten, wendet sich jetzt gegen uns. Die ganze westliche Dekadenz zerstört wegen dem, was uns am Wichtigsten erschien. Unsere Wertvorstellungen, die wir anderen aufdrängen wollten. All das. Dahin. Von innen heraus. Zerstört.“

Es war zweifelhaft, ob aus dem Doktor in dem Zustand der Erregung noch sinnvolle Informationen zu erwarten waren. Zu sehr hatte er sich seinen xenophoben Vorstellungen hingegeben, die er in der Abgeschiedenheit dieses Gefängnisses und aufgrund der jüngsten Vorkommnisse entwickelt hatte. Andererseits hätte uns Intoleranz gegenüber Fremdem jetzt auch nicht weiter geholfen.

Das behielt ich aber für mich, bedankte mich knapp und gab Ben zu verstehen, dass wir aufbrechen mussten. Mir war das Gefühl für Zeit abhanden gekommen und ich wusste nicht, bis wann wir unsere nächste Etappe erreichen mussten. Umso dringender also, das nächste Ziel abzuschließen.

Dummerweise fanden nicht wir unser nächstes Ziel, sondern das Ziel fand uns.

Samstag, 29. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 63

„Wenn Sie noch zweifeln, möchte ich Ihnen etwas zeigen“, setzte Gruczynsky wieder an und ging voran, gefolgt von seiner Entourage, zurück in den Versammlungsraum. Mit noch immer wackligen Füssen folgte ich ihm in den Raum und hinter den Monitor eines Rechners. Seine Finger legten sich auf die Maus und ein Mauspfeil schoss auf dem Bildschirm herum, öffnete eine Filmdatei und vergrößerte das Bild.

„Das sind Überwachungsaufnahmen aus einem Gebiet, in dem die Verbreitung nicht annähernd so hoch war wie hierzulande. Gebiete, in denen dieser sogenannte Hewwi Metall traditionell nicht so verbreitet ist, oder als Teufelsmusik gilt. Genauer gesagt sehen Sie hier ein Gebiet in der Türkei östlich von Istanbul. Der westliche Teil Istanbuls wurde geräumt und die Einwohner in die östliche Türkei evakuiert. Als es bei uns losging, galt der Teil der Türkei als sicher. Einzelne Nester wurden ausgehoben und quasi komplett aufgerieben. Die türkische Armee hat Erfahrung in sowas. Noch lange später konnten wir Nachrichtenbilder von dort empfangen, die mein Student Can hier für uns übersetzen konnte. Der arabische Raum war sicher, die Gefahr kam aus dem Norden. Aber sehen Sie selbst.“

Das Bild zeigte ein freies Feld bei Nacht im tristen Grün einer Nachtsichtkamera, über das Stacheldraht gespannt war. Keine Bewegungen waren auszumachen, alles wirkte friedlich und langweilig. Dann blitzte im Dunkel etwas auf. Wie zwei kleine Reflektoren tanzten sie in der Luft und schon bald erschienen mehr und mehr von ihnen, bis das ganze Feld von kleinen Reflektoren bevölkert schien. Schnell bewegten sie sich vorwärts und erreichten schon bald den Stacheldraht. Eine Explosion zerriss die Stille und warf etwas Licht auf das Szenario. Die Augen gehörten den Monstern, von denen die erste Reihe von der Explosion fast zerrissen wurde.

Davon unbeeindruckt kamen von hinten weitere Wellen nach und lösten weitere für uns lautlose Explosionen aus. Leuchtspurmunition huschte durchs Bild und verlor sich in den behaarten Körpern der Angreifer. Für jeden Gefallenen kamen weitere Wellen nach und rollten über den Stacheldraht und über die für mich im Unsichtbaren agierenden Verteidiger hinweg.

Keine fünf Minuten später senkte sich Ruhe über das Szenario. Keine Explosionen und Lichtblitze mehr, nur noch die Augenpaare, die über das Feld vorwärts rückten. Dann fiel das Bild aus.

Freitag, 28. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 62

„Bitte beruhigen Sie sich Herr Vilsmeier und lassen Sie mich Ihnen versichern, dass es nicht so einfach ist, wie es sich Ihnen vielleicht im Moment darstellt. Offensichtlich hatten sie einen tiefen Einblick und einen wahren emotionalen Ansturm, dem sie ausgesetzt waren und jetzt nachklingt. Vielleicht sind die Krieger tatsächlich das Produkt einer kollektiven Wut, aber sie entstanden nicht erst seit den Übergriffen.

Die Krieger existierten vielleicht nicht physisch von Anfang an, aber sie entstanden zeitgleich mit der anderen Spezies. Sie waren von Anfang an die Kämpfer des Volks und zugleich ihre Bewacher. Sie kümmerten sich auch um die Essensbeschaffung und ihr Nahrungsplan sieht keineswegs nur vegetarische Ernährung vor. Zuvor habe ich gesagt, dass ihr Speiseplan durchaus auch aus vegetarischer Nahrung besteht, aber eben nicht zur Gänze. In ihren Unterschlupfen haben wir menschliche Überreste gefunden, die klar darauf schließen lassen, dass sie kannibalistische Züge aufweisen. Sie ernähren sich definitiv auch von Menschenfleisch.

Natürlich war unser Erstschlag der Auslöser für den Tag, an dem sich alles geändert hat. Aber so oder so stünde unsere Rasse vor ihrer Ausrottung. Auf einen von uns kamen fünf von ihnen. In manchen Gegenden stand das Verhältnis noch schlechter und es gab Vermisste. Zuerst nur Obdachlose, später auch andere Menschen. Doch wer konnte in diesen Tagen noch sagen, wer wirklich vermisst wurde, oder sich nur den „anderen“ angeschlossen hatte?

Glauben Sie mir, die Dunkelziffer war erschreckend. Durch den Gegenschlag kam das Ende etwas früher, aber wir konnten unserem Gegner noch empfindliche Verluste beibringen, die uns vielleicht irgendwann in den nötigen Vorteil versetzen werden. Unsere Verluste waren hoch, unerwartet hoch. Aber sie wären höher gewesen, hätten wir einfach nur abgewartet. Ja, was wir hier machen ist grausam, unmenschlich und in unseren veralteten Moralvorstellungen ein Verbrechen. Aber wir befinden uns in einem Krieg, den wir nur gewinnen können, wenn wir uns von diesen Moralvorstellungen lösen und diesen Wesen alles entgegen setzen, was wir noch haben.

Denken Sie nicht, dass das, was wir hier machen, jemand Spaß machen würde. Es ist nur die Konsequenz daraus, was unserer Rasse angetan wurde. In ihrem Traum erwähnen Sie die Alten, die uns für die Angriffe selbst verantwortlich machen, die Ihnen gegenüber erwähnen, dass jede Verwandlung freiwillig geschah. Was wir hier sehen ist, dass die Verwandlung bei jenen eintritt, die keinen Kontakt mehr zur Musik haben. Die ihren Geist geöffnet haben und sich bereitwillig dem hingeben, was sie anschließend von innen heraus verändert. Glauben Sie nicht das, was Ihnen erzählt wird, oder Ihr ganzes Wissen besteht aus dem, was Ihnen erzählt wird. Glauben Sie das, was Sie selber sehen. Ihre Augen belügen Sie nicht.“ 

Die Worte zeigten Wirkung und brachten mich erneut ins Grübeln. Natürlich waren die Eindrücke sehr überzeugend gewesen, spiegelten aber möglicherweise auch nur einen Teil der Realität wider. War das Friedensangebot nur ein Schritt in die Versklavung durch die neue Rasse? Wollten sie uns als Zucht- und Schlachtvieh halten, um sich an uns zu laben, wenn die anderen Vorräte aufgebraucht waren? 

Donnerstag, 27. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 61

Etwas zerstörte den Fluss. Die Strömung wurde wilder, unkoordinierter und riss mich wie einen Spielball herum. Sie zerrte an mir, zog an mir und drang in mich ein. Plötzlich war sie verschwunden. Alles war verschwunden und ich sah Gruczynsky vor mir stehen, wie er mich an den Schultern packte und auf mich einredete. Oder vielmehr schrie er. Ich konnte den Sinn seiner Worte nicht verstehen. Ich hörte die Geräusche, konnte in ihnen aber keinen Sinn erkennen.

Erst langsam kam es zurück. Die Erinnerung an Worte und ihre Bedeutung. Die Abkehr der zuvor erlebten animalischen Wut, wieder hin zu verbaler Kommunikation. Andere Stimmen mischten sich darunter und ich erkannte Ben darunter. Verdutzt fiel ich zurück in meine Realität und nahm das Stimmengewirr wieder wahr.

„ ... Reagiert immer noch nicht. Wir müssen ihn aufwecken, andernfalls verlieren wir ihn.“

„Wir müssen ihn untersuchen. Er könnte das Bindeglied darstellen.“

„ … müssen ihn hier raus schaffen, bevor Roggel uns alle hinrichten lässt.“

„Wer ihn anfasst, dem brech ich persönlich die Arme!“

Erst als ich einen Schritt zurückwich, verstummten die Stimmen schlagartig. Gruczynskys Hände lösten sich von meinen Schultern und hingen wie sterbende Äste in der Luft. Neben Ben sah ich noch die komplette Riege der hier versammelten Eierköpfe und tatsächlich empfand ich die Bezeichnung mittlerweile für die versammelte Truppe an Inkompetenz eher als Kompliment, denn als abfällig.

„Ihr seid schuld“, schrie ich, streckte den Zeigefinger aus und schwenkte ihn in einer Halbkreisbewegung. „Ihr alle. Ihr habt sie getötet, gequält und damit eine kollektive Wut ausgelöst, die die Krieger erschaffen hat. Sie wollten in Frieden mit uns leben und ihr habt sie angegriffen, sie ausgerottet wie Tiere. Männer, Frauen und Kinder, rücksichtslos habt ihr sie attackiert und Tausende von ihnen kaltblütig ermordet. Ich habe alles gesehen. Alles. Kollektive Erinnerungen, die in den Überlebenden weiter existieren und telepathisch weitergegeben werden. Ihr seid doch die Monster, nicht diese Mutationen hier.“

Erschrockene Gesichter, wer zu nah stand, tat lieber einen Schritt nach hinten und in Bens Gesicht war ein Ausdruck, den ich nie zuvor an ihm bemerkte. Ein Anflug von Reue vielleicht? Alle waren sie sprachlos und starrten mich an. Sie starrten auf meinen zornigen Gesichtsausdruck, die erregte Atmung und die mit Sicherheit heraustretenden Blutgefäße an der Stirn. Meine Frau nennt mich scherzhaft ihren kleinen Teufel, wenn ich zornig bin, weil sie dann wie Hörner heraustreten. Zum Scherzen war mir momentan aber sich nicht zumute.


Als erster fand der untersetzte Arzt seine Fassung wieder.

Mittwoch, 26. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 60

Der Tod breitete sein schwarzes Tuch über mir aus. Ich fühlte mein Leben aus meinem Körper weichen und ergriff dankbar die Möglichkeit, im Tod Frieden und Erlösung zu finden, schreckte kurz darauf aber wieder auf und sah mich weiter in dem Zellentrakt dem braunhaarigen Killer gegenüber. Panisch schnappte ich nach Luft und spürte erleichtert das Blut durch meinen Körper pulsieren. Die unglaublichen Schmerzen klangen nach, verschwanden aber genauso schnell wieder, wie sie mich überfallen hatten.

„Geht es Ihnen gut? Sehen Sie etwas?“

Erst klar, dann wie durch einen Vorhang hörte ich die Stimme des Doktors, bevor sie wieder verstummte. Rot. Alles war rot. Rote Wände türmten sich rund um mich herum auf. Die Wände erschienen aber nicht massiv, sondern vibrierten leicht und sie flossen. Die Strukturen verflossen, liefen ineinander und verliefen wieder. Es war eine fließende rote Kulisse, als wäre rotes Wasser zu Wänden aufgetürmt und stünde hinter einer unsichtbaren Glaswand.

Die Vibrationen nahmen zu und wie auf Kommando ergossen sich die roten Ströme über mir. Die Wellen schlugen über mir zusammen und begruben mich unter sich. In Mund und Nase sammelte sich die Flüssigkeit und ich bekam keine Luft mehr. Der Strom riss mich von den Füßen und zog mich mit sich, weiter hinab hinaus in die rote Leere. Wie ein Stoßseufzer musste ich meine letzte Luft in den Lungen opfern und erwartete, beim nächsten Atemzug die rote zähflüssige Flüssigkeit Blut? in meine Lungen zu saugen.

Stattdessen atmete ich ganz normal, während ich weiter durch den Strom trieb. Erleichtert sog ich die Luft in meine Lungen und trieb weiter, immer weiter. Auf meiner Reise sah ich Bilder. Bilder von Soldaten, die mit Gewehren, Flammenwerfern und Granaten die Wesen attackierten, während diese den Angriff wehrlos über sich ergehen ließen. Verängstigt kauerten sie zusammen und ich spürte ihre Angst und erkannte darin meine eigenen ausgestandenen Todesängste. Wie aus einem Maschinengewehr gefeuert, prasselten die Eindrücke weiter auf mich ein. Einschlag um Einschlag, Erinnerung um Erinnerung aus einem kollektiven Bewusstsein prügelte auf meinen Geist ein und zeigte mir die Bilder von Verstümmelungen, die Angst und die Wut. Eine durch Millionen gehende kollektive Wut, geboren aus Angst und Verlust.

Wie eine Kanone entlud sie sich und schlug gegen ihre Peiniger. Waren die ersten Wutausbrüche noch unkoordiniert und aus einer spontanen Eingebung geboren, kanalisierte sich die Wut in den Kriegern, die die Wut in sich aufnahmen und sich daraus entwickelten. Sie waren von ihrem Kollektiv als Krieger ausersehen worden und mussten als Pfand die kollektive Wut von Millionen Seelen in sich aufnehmen. Dafür wurden sie mit körperlichen Attributen ausgestattet, die der normalen Herde vorenthalten war. 

Dienstag, 25. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 59

„Das hat nichts zu sagen. Die Reaktion war aber schon ungewöhnlich und konnte so bisher nicht beobachtet werden. Es war, als hätten sie Ihre Anwesenheit gespürt, Herr Vilsmeier. Kommen Sie.“

Mit den Worten trat er nach vorne, schloss die Sichtluke und ging zwei Zellentüren weiter, Dort angekommen riss er die Sichtluke auf, trat einen Schritt zurück und warf dann befriedigt einen Blick darauf. Hektisch winkte er mich zu sich.

„Der sitzt brav in der Ecke. Kommen Sie bitte.“

Wie geheißen ging ich zu ihm und warf einen Blick in die Zelle hinein. Die Zelle war bis auf eine Matratze, oder das was davon übrig war, komplett leer geräumt. Schaumstofffetzen lagen auf dem Boden und bildeten so was Ähnliches wie ein Nest. Mittendrin saß es. Im Schneidersitz thronte es in der Ecke seiner Zelle. Kurzes dunkelbraunes Fell bedeckte den überaus muskulösen Körper. Die Beschaffenheit ließ mich darauf schließen, dass es sich bei dem Wesen vor ihrer Verwandlung um eine Frau gehandelt haben musste.

Die zusammen gezogenen Augen stachen hell aus dem dunklen Fell hervor und bildeten zusammen mit den Reißzähnen einen deutlichen Kontrast. Ein leichtes Knurren entwich der Kehle des Kriegers und seine Krallen bewegten sich drohend wie ein Fächer. Wie zuvor suchte ich den direkten Augenkontakt. Angestrengt starrte ich in seine Augen und fühlte nichts.

Zumindest dachte ich das, während ich immer weiter in den Augen versank. Zuerst nahm ich die Augen einfach nur intensiver wahr. Sie wurden größer und größer und irgendwann verdeckten die Pupillen mein komplettes Sichtfeld, stülpten sich über mich und verschlangen mich regelrecht. Und doch erschien es mir völlig normal. Ich trieb in Schwerelosigkeit und mein einziger Gedanke war, warum ich keinen Kontakt herstellen konnte.


Erst als ich wieder auftauchte, meine Umgebung wieder wahrnahm, kam mir der Gedanke, dass ich eben einen Kontakt hergestellt hatte. Im nächsten Moment wurde es deutlicher. Statt Schwärze stürmten Bilder auf mich ein. Aufgerissene Körper, herausgerissene Innereien, Blut besudelte Menschen und spritzendes Blut. Und Schmerzen. Es fühlte sich an, als würde man in meinen Eingeweiden wühlen und mit Gewalt an ihnen ziehen. Eine Hand legte sich um mein Herz und presste zu, ein scharfer Gegenstand zerschnitt meine Lungen und meine Gedärme wurden grobhändig aus der Bauchdecke gerissen. Umso überraschter war, als ich meinen Peiniger erkannte. Nicht die Hände eines Monsters bereiteten die Schmerzen, nein, Herr Doktor Gruczynsky höchstpersönlich zog an meinen Gedärmen und schnitt meine Lunge in feine Streifen, als würde er geschnetzelte Lunge zubereiten.

Montag, 24. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 58

In den nächsten Zellen haben wir zwei Kriegerdrohnen untergebracht. Im Gegenteil zur Standardausführung weisen sie erheblich mehr Intelligenz auf und stellen im Kampf unserer Vermutung nach die Führer. Ihre Mutationen fallen wesentlich stärker aus und auch viel schneller. Eine komplette Transformation dauert in der Regel rund zwei Wochen, bei dieser Mutation aber gerade mal eine Woche. Schon nach zwei, drei Tagen haben sich Klauen an den Händen gebildet, die einen Kopf von den Schultern trennen können. Nach vier Tagen hat sich der Knorpelpanzer gebildet und innerhalb von sechs Tagen sind die Organe so angeordnet, dass sie hinter dem Knorpelpanzer geschützt sind.

Wir gehen auch davon aus, dass sie so gut wie keine Schmerzen empfinden. In den Versuchen reagierten sie kaum auf Obduktionen am lebenden Objekt und Wunden verheilen innerhalb weniger Stunden. Allein das Gehirn und wichtige Organe regenerieren nicht. Aber auch mit in Fetzen hängenden Lungen erlischt ihr Kampfgeist erst, wenn der Sauerstoffgehalt im Blut einen kritischen Wert erreicht hat, was Minuten dauern kann. Es sind die perfekten Kampfmaschinen. Wir können uns aber bis heute nicht erklären, was diese spezielle Mutation ausgelöst hat. Sie hat sich auch erst im Laufe der Zeit herausgebildet. Diese Exemplare hier zeigten anfangs keinerlei Merkmale dieser Abart. Für weitere Untersuchungen fehlt uns die Ausrüstung und Material für weitere Versuchsreihen. Roggel hat aber in Aussicht gestellt, uns in absehbarer Zeit eine Reihe von Versuchsobjekten zur Verfügung zu stellen.

Ich befürchte, dass die Beschaffung dieser Objekte nicht in beiderseitigem Einverständnis stattfinden wird, aber Sie müssen mich auch verstehen. Viel zu sehr hänge ich an meinem Leben, als diesem Monster zu widersprechen. Möglicherweise werden wir dadurch auch zu Monstern, aber lieber ein lebendes Monster, als ein toter Held, nicht wahr?

Sie schauen ja noch immer so verärgert. Hören Sie, ich will mich nicht mit Ihnen über Moral streiten. Viel mehr möchte ich wissen, ob Sie mit unseren Exponaten kommunizieren können. Würden Sie bitte an die Türe treten und durch diese Öffnung die Insassen in Augenschein nehmen und versuchen, ihre Gefühle einzufangen?“

Natürlich wusste ich, wer die Versuchsobjekte stellen würde und bebte innerlich vor Wut, dass dieser Quacksalber sein eigenes Wohl über das Wohl lebender Menschen stellen wollte, Im Moment interessierte mich sein Experiment aber noch viel mehr. Die Möglichkeit mit den „anderen“ zu kommunizieren, reizte mich in der Tat und so schnell würde sich dafür keine Chance mehr ergeben, zumindest ohne die Gefahr, dabei ausgenommen zu werden. Also schritt ich an die Tür und öffnete vorsichtig die Luke.


Statt in einen Raum blickte ich in ein aufgerissenes Augenpaar. Erschrocken sprang ich einen Schritt zurück und hätte dabei beinahe Gruczynsky umgeworfen, der ebenfalls nicht damit gerechnet hatte. Der Schreck war mir in alle Glieder gefahren, aber langsam kam ich wieder zur Ruhe und beobachtete die Augen. Seltsam menschlich sahen sie aus, gar nicht so sehr wie die Augen von wilden Tieren, wie wir sie damals sahen. Beinahe freundlich haftete der Blick auf mir und als ich dem Blick nicht mehr standhalten konnte, wandte ich mich ab. Fühlen konnte ich nichts und entweder war dem Monster nicht nach Kommunikation, oder es war mir auch nicht möglich, mit ihm zu kommunizieren. Resigniert gab ich auf und sah schulterzuckend zum Doktor hinüber, der sich von dem Misserfolg nicht entmutigen lassen wollte.

Sonntag, 23. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 58

Ich bin leider kein Psychologe und habe auch keinen in meinem Team, aber selbst als Laie bleibt mir nicht verborgen, dass in dem Traum unterbewusst durchaus eigene Empfindungen verarbeitet wurden. Ohne professionelle Unterstützung werden wir leider nicht herausfinden können, wie groß der tatsächliche externe Einfluss gewesen ist, und wie viel Ihr Unterbewusstsein aus seinem eigenen Pool dazugegeben hat. Sehr bedauerlich. In der Tat. Nichtsdestotrotz eine unglaublich wichtige Erkenntnis für unsere sogenannten Forschungen. Ich gehe davon aus, dass Sie aufgrund Ihrer prekären Lage uns nicht weiter für Experimente zur Verfügung stehen werden, oder?“

In seiner Frage schwang eine Bitte mit, die ich leider ablehnen musste. Dafür hing ich viel zu sehr an meinem Leben. Trotzdem gab ich seiner Bitte nach, mich für ein schnelles Experiment zur Verfügung zu stellen. Zusammen mit dem kleinen Untersetzer marschierten wir an den desinteressiert wirkenden Wächtern vorbei auf den Flur des Zellentrakts und von dort zielstrebig auf die erste Zelle zu. Irgendwie glaubte ich nicht daran, dass die Wächter die Wissenschaftler vor etwas beschützten, sondern eher zu ihrer Bewachung abgestellt waren.

„Dort in der Zelle sind zwei Exemplare untergebracht, die sich physisch nicht verändert haben. Sie zeigen auch sonst keinerlei Veränderungen und sind zu normaler Kommunikation fähig, wenn auch nur sehr widerwillig. Sie sind aber hochgradig von der Musik abhängig. Nach rund einer Stunde tritt eine Art von Entzugserscheinung ein und nach einer weiteren Stunde beginnen erste physische Veränderungen.

Nach unserem jetzigen Stand ist nicht die Musik der Auslöser, sondern das Fehlen der Musik. Noch bis ungefähr acht Stunden nach Ende der Musik kann die Verwandlung aufgehalten werden, danach beginnen die Gene zu mutieren und die ersten bleibenden Veränderungen treten auf. Wenn Sie so wollen, haben wir die Monster selber erschaffen, in dem wir ihnen den Strom abgeschaltet haben.


In den nächsten zwei Zellen sind die normalen Vertreter dieser Spezies untergebracht. Interessanterweise verhalten sie sich in Gefangenschaft absolut friedlich. Nur, wenn wir unsere Experimente an ihnen durchführen, kommt eine gewisse Unruhe in die Gruppe, die sich auf alle anwesenden Mutanten überträgt. In der Zelle rechts von uns ist eine ehemalige Familie untergebracht, die immer noch familiäre Strukturen aufweist, wenn auch evolutionär extrem zurückgebildet. Zum Beispiel haben wir beobachtet, dass nur das Männchen das Essen aufnimmt und es anschließend unter seiner Familie verteilt. Für sich hält er dabei die kleinste Portion zurück, was wir den Umstand zuschreiben, dass sie sich in Gefangenschaft befinden. Wir gehen davon aus, dass sich das Verhalten in freier Natur umkehrt, da er für den Zweck der Nahrungsbeschaffung Kraft benötigt. 

Samstag, 22. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 57

Beim Thema Albträume schreckte ich auf. Noch zu deutlich hatte ich meinen vermeintlichen Albtraum vor Augen.

„Was für Albträume?“

„Schwer zu sagen. Die Ausprägungen sind hier ganz unterschiedlicher Natur, so dass man hier keine allgemein gültige Aussage treffen kann. Nur wenige können sich am nächsten Tag daran erinnern. Die, die sich erinnern, berichten aber übereinstimmend von zwei älteren Herren, die eine Art Kreuzverhör führen. Allein die Orte unterscheiden sich. Es ist die Rede von Lagerhallen, Gefängniszellen und verfallenen Bauernhöfen. Das Motiv ist dabei wiederkehrend. Wir vermuten, dass man für diese Art der Kommunikation in irgendeiner Form empfänglich sein muss. Wenn Sie in Geisteswissenschaften reden möchten, dann wäre der Begriff eines Mediums nicht fehl am Platz.“

„Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich im Schlaf eine konkrete Botschaft empfangen habe und seit kurzem in manchen Fällen die Gedanken oder Emotionen meiner Mitmenschen fühlen kann?“

„Das wäre unglaublich, deckt sich aber mit …“ murmelnd plumpste Gruczynsky auf einen herumstehenden Drehstuhl, ohne den Blick von mir abzuwenden.

„Es gibt da eine Theorie, die wir in unseren Untersuchungen entwickelt haben, was die Kommunikation der Wesen untereinander angeht. Sie müssen eine teilweise Mutation durchgemacht haben. Eine Mutation, die durch diese Musik ausgelöst wurde. Noch wissen wir nicht, welche Rolle das Medium dabei spielt, aber wir vermuten auch, dass diese Wesen die Mutation auch in einem geringeren Umfang herbeiführen können, zum Beispiel durch ihre Art der Kommunikation. Waren Sie den Wesen einmal länger ausgesetzt?“

Wahrheitsgemäß berichtete ich von meinem Erlebnis in der Kirche und was seit meinem Eintreffen im Gefängnis vorgefallen war. Jedes meiner Worte schien eine Offenbarung für den Wissenschaftler zu sein, der mich nur immer kurz mit Ausdrücken wie „Unglaublich“, „Faszinierend“ oder „Mein Gott“ unterbrach. Am Ende meiner Ausführungen schien er das Gehörte noch auf sich wirken zu lassen, bevor er zu einer Antwort ansetzte.


„Das ist das Unglaublichste, das ich in meinem Leben gehört habe. Ihr Talent ist mir ein offenes Rätsel und es erscheint mir unwahrscheinlich, dass es allein von den uns bekannten Spezies ausging, es sei denn, sie hatten bereits früher eine ähnliche Veranlagung. Möglicherweise gibt es noch eine dritte Spezies. Eine Spezies, die die Brücke zu unserer Spezies darstellt, die unsere Gedanken lesen und soweit manipulieren kann, dass eine teilweise Mutation ausgelöst wird, und die mitunter zu Wahnsinn führen kann. Eine Vermutung, die wir schon länger haben. Es gibt durchaus Fälle von spontanem Wahnsinn, nach massivem Kontakt mit den Wesen. Ein Umstand, von dem zum Beispiel sehr viele Panzerfahrer betroffen waren. Sehr interessant ist natürlich auch ihr Traum und die darin vorkommenden Figuren, die mit dem übereinstimmen, was mir hier berichtet wurde. Dass sie sich allerdings erinnern können, als hätte die Begegnung tatsächlich stattgefunden, ist ein kleines Wunder. 

Freitag, 21. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 56

Natürlich werde ich mich hüten, dies gegenüber unseren Wächtern zu erwähnen. Auch mit dem wenigen das wir haben, haben wir bereits einige Erfolge erzielen können, wenn auch auf recht blutige Art und Weise.“

Dabei zog Gruczynsky die Stirn in Falten und überlegte einen kurzen Moment. Diesen Moment wollte ich ausnutzen.

„Sie sezieren die Monster bei vollem Bewusstsein, nicht wahr?“

Von unten sah er zu mir herauf und ein Stoßseufzer entwich seinen Lungen.

„Auf die nötigsten Informationen zusammengedampft: ja. Ohne unsere Instrumente und Klinikausrüstung haben wir sonst keine Möglichkeit, die physiologischen Veränderungen der Wesen nachzuvollziehen. Gerade die großen Exemplare stellen uns noch vor Rätsel. Während die normal mutierten sich nur äußerlich verändern, bleibt das Innenleben relativ identisch. Die andere Spezies, die sich herausgebildet hat, bildet eine Art Führungskaste mit deutlichen Anzeichen von Mutationen. Alle lebenswichtigen Organe liegen hinter einem massiven Knorpelgebilde. Zudem wurden die Organe verkleinert und sind anders angeordnet. Das Herz liegt nun wesentlich tiefer, ebenso die Lungen, während die Verdauungsorgane wesentlich weniger Platz einnehmen. Auf Grund des verkürzten Verdauungstrakts vermuten wir, dass diese Spezies einen wesentlich höheren Nahrungsbedarf hat.“

Bevor er weiterreden konnte, hakte ich ein.

„Welche Nahrung nehmen sie zu sich?“

Tatsächlich schien ihm die Frage zu gefallen, denn seine Züge hellten bei der Antwort deutlich auf.

„Ah, eine gute Frage. Allgemein wird ja davon ausgegangen, dass Fleisch ihre Hauptnahrung wäre. Zumindest war das am Tag des Zusammenbruchs die allgemein gültige Aussage. In Gefangenschaft konnten wir allerdings feststellen, dass die scharfen Reißzähne durchaus auch dem Verzehr von Fleisch dienen, in erster Linie aber Waffen darstellen. Die Ernährung umschließt durchaus auch vegetarische Komponenten.“

Zur Bestätigung nickte ich kurz und fühlte mich insofern bestätigt. Aber ich wollte noch mehr wissen.

„Wie ist es mit der Intelligenz bestellt? Das Vorgehen der Spezies lässt nach meinem Verständnis zumindest rudimentäre Intelligenz vermuten.“


„Sie würden sich wundern. Generell sind wir davon überzeugt, dass sie ihre Umwelt sehr bewusst wahr nehmen und nur minimal in ihren motorischen Fähigkeiten eingeschränkt wurden. Sie beherrschen eine Art der Kommunikation, die wir momentan noch nicht verstehen. Wir machen sie aber für Albträume verantwortlich, die Leuten aus meinem Team seit Wochen den Schlaf rauben.“

Donnerstag, 20. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 55

„Guten Tag“, begrüßte mich der Brillenträger und hielt mir die Hand hin. „Ihr Freund hier hat mich freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, dass Ihnen sehr viel daran liegen würde, mit mir zu sprechen. Darf ich mich vorstellen? Doktor Karl-Heinz Gruczynsky. Ich leite die Untersuchungen hier vor Ort. Mit wem habe ich die Freude?“

Artig ergriff ich die Hand und schüttelte sie kräftig. Der feste und trockene Händedruck meines Gegenübers erstaunte mich. Das hier war kein verunsicherter Gelehrter, der angesichts der Anwesenheit brutaler Schlächter um sein Leben fürchten musste. Davon sogar etwas beeindruckt stellte ich mich kurz vor.

„Vilsmeier. Konrad Vilsmeier ist mein Name. Ich will nicht viele Worte verlieren, ich bin nicht ganz freiwillig hier und habe nicht viel Zeit. Sagen wir so, dass ich ein sehr großes Interesse an ihren Forschungsergebnissen habe. Angeblich erforschen Sie schon seit längerem diese neue Spezies.“

Meine Frage löste leichte Heiterkeit bei meinem Gegenüber aus.

„Erforschen? Nun ja, in der Sprache unserer Bewacher hier mag das die zutreffende Beschreibung für unser Tun hier sein. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir das Gespräch etwas abgeschiedener unter vier Augen fortsetzen?“

Dabei deutete er auf Ben, der relativ teilnahmslos neben uns stand und sich eher der jungen Frau widmete, die gerade in ein Gespräch mit einem ihrer Kollegen vertieft war. Obwohl von ihm keine Gefahr mehr ausging, wollte ich dem Doktor nicht unbedingt unsere Beziehung zueinander darlegen. Noch konnte ich mir keinen Reim über seine Rolle in dieser Anstalt machen und wollte keinesfalls meinen Trumpf verfrüht ausspielen. Also folgte ich ihm in ein abgetrenntes Büro, aus dem eine weitere Tür führte.

„Hier drin haben sie den Raum beaufsichtigt“, fuhr er fort. „Bevor die Insassen zu Wärtern wurden. Bevor sie den Bock zum Gärtner gemacht haben und so auch die Reste unserer Zivilisation auf dem Altar der Angst geopfert haben. Sich mit dem Teufel zu verbünden, um Satan auszutreiben. Was für eine Idee. Die Idee eines Wahnsinnigen, finden Sie nicht auch?“

Noch bevor ich etwas sagen konnte, setzte der Untersetzte fort.


„Damit nehme ich uns nicht aus, Herr Vilsmeier. Auch wir haben uns mit dem Teufel verbündet. Wir sind hier in Sicherheit und der Preis ist, dass wir ihnen Ergebnisse liefern müssen. Möglicherweise haben Sie schon bemerkt, dass unsere Möglichkeiten in diesem Gebäude eher eingeschränkter Natur sind. Als sie uns holen kamen, haben sie nicht auf unsere Ausrüstung geachtet, Es wurde in Lastwagen geräumt, was sich in irgendeiner Form plündern ließ und nicht wenig ging dabei zu Bruch. Die Hälfte der Ausrüstung war nicht mehr zu gebrauchen, bei vielen anderen Gegenständen mussten wir improvisieren. Dazu kommt, dass die Hälfte der Anwesenden zum Zeitpunkt des Ausbruchs noch im Studium steckte und aktuell keine große Hilfe ist.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 54

„Isser das?“, murmelte er abwesend, während seine Finger über die üppige Oberweite einer Manuela aus Oberhausen glitten, die als eines ihrer Lieblingshobbys die Verführung von Männern auswies.

„Ja, das isser. Du weißt ja, Befehl vom Roggel und so. Haben ihn vor den Toren entdeckt und ihn zu den Eierköpfen mit einer Nachricht geschickt“, antwortete Ben und nickte mir unauffällig zu. Dankbarerweise hielt er sich strikt ans Drehbuch und zum Glück war der Kerl hier mehr mit Manuelas Titten als mit seiner Umgebung beschäftigt. Andernfalls wäre ihm vielleicht aufgefallen, wie Bens Augen unruhig hin und her wanderten und sich ein dünner Schweißfilm auf seinem Kopf bildete.

„Mhm, dann geht rein. Ich sag den anderen noch Bescheid, dass ihr reinkommt“, beendete er das Gespräch, während er Manuela aus Oberhausen in den rasierten Schritt gaffte.

Die Sicherheitstür summte und schwang nach Druck durch Killer nach innen, Noch immer keine Luftschleuse, wie sie in Filmen benutzt wurden, um keine Schadstoffe nach außen dringen zu lassen. Stattdessen rechts ein größerer Raum, der irgendwann ein Versammlungsraum gewesen sein könnte. An einem Tisch saßen vier Schwarzhemden, die ebenfalls in alten abgegriffenen Magazinen blätterten. Keiner von ihnen kam mir bekannt vor und ich hoffte inständig, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhen würde. Unbekümmert marschierte mein Grizzlybär an ihnen vorüber und hob kurz die Hand zum Gruß, was von den Umher sitzenden knapp erwidert wurde. Nur einer blickte kurz auf, erkannte seinen Kameraden und widmete sich wieder Sabine, einer einsamen Hausfrau aus Hoyerswerda, die so gern einen Mann verwöhnen wollte. Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob sie noch lebte und wenn ja, in welcher Gestalt, verdrängte den Gedanken aber sogleich wieder.

Weiter hinten im Raum standen einige Rechner, ein Beamer, Leinwände, vollgekritzelte Flipcharts und eine Gruppe von Männern und Frauen. Die sahen auf den ersten Blick so gar nicht aus, wie man sich eine Gruppe Wissenschaftler vorstellte, die panisch an einem Wirkstoff, oder dem Grund einer weltweiten Epidemie forschten. Eher entspannt und in normaler Freizeitkleidung hatten sie sich mit Kaffee bewaffnet um ein Flipchart versammelt und diskutierten ein auf den ersten Blick nichts sagendes Schaubild, das von dem an der Tafel stehenden Mann ständig um Striche erweiterte wurde.

Der Mann war eher unscheinbar, klein, untersetzt, mit Haarkranz und runder Brille. Auf den ersten Moment wirkte er auf mich wie das intellektuelle Gegenstück zu Sackschneider, ging aber davon aus, dass von ihm nicht halb so viel Gefahr ausging. Um ihn herum saß eine Gruppe, die sich aus allen Geschlechtern und Altersgruppen zusammensetzte und wie eine Mischung aus Medizinstudenten und altgedienten Professoren wirkte.


Zielstrebig hielt Ben auf den Untersetzten an der Tafel zu und flüsterte ihm ins Ohr, was diesen dazu veranlasste, seine Runde in die Pause zu entsenden. Aus Mangel an einem Pausenraum, bedeutete das aber letztendlich nur, dass man auf den Plätzen Platz behielt und sich statt Interesse heuchelnd der Darstellung zuzuwenden anderen Dingen widmete, wie zum Beispiel den weiblichen Kollegen zu imponieren.

Dienstag, 18. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 53

„Hast du ihm noch ein paar liebe Worte zum Abschied geflüstert?“

„Leck mich am Arsch, ich bin doch keine Schwuchtel. Sagen wir mal so: er wird es sich zweimal überlegen, Alarm zu schlagen, wenn er morgen nicht seine Knochen sortieren will.“

Damit war alles gesagt und es lag durchaus im Bereich des Möglichen, dass die Drohung auch nach unserem Abschied ihre Wirkung gezeigt hatte. Es gehörte mit Sicherheit nicht zu den größten vorstellbaren Verlockungen, von Killer in die Mangel genommen zu werden.

Mit Hermanns Schlüssel standen uns die nächsten Türen offen und laut Ben wurden die Gänge nur zu bestimmten Zeiten stärker frequentiert, wie zum Beispiel zu den Essenszeiten, oder bei Wachablösung. Die nächste Wachablösung war in vier Stunden geplant, Essen wurde in frühestens drei Stunden ausgegeben. Genügend Zeit, sich unerkannt durch die Gänge zu bewegen und unser nächstes Etappenziel anzugehen.

Dieses führte mich in den Zellentrakt mit den sogenannten Eierköpfen, um mir selber ein Bild von den Vorgängen vor Ort zu machen. Außerdem war ich natürlich an ihren Erkenntnissen interessiert und was dieser Doktor Gruschinski zu meinem Traum zu sagen hatte. Natürlich war Ben von meiner Idee nicht so sehr begeistert. Der hatte nur noch Sackschneider und unsere Flucht vor Augen. Vor allem die Rache an dem perversen Schwein war für ihn zur Manie erwachsen, die uns vielleicht noch zum Problem werden konnte. Zum Glück ließ er sich aber doch noch davon überzeugen, dass der Besuch für mich sehr wichtig war und wir das Risiko in Kauf nehmen mussten.

Das größte Problem daran waren sicher die für die Wissenschaftler abgestellten Wachen, die auch einem Grizzlybär wie Killer gefährlich werden konnten. Sicherlich nicht physisch, aber seine Kraft nutzte ihm nur wenig, wenn sie auf uns feuerten. Natürlich bestand auch die Möglichkeit, dass ich für die vor Ort befindlichen Wachen ein unbeschriebenes Blatt war. Bisher kannten nur wenige Insassen mein Gesicht und noch weniger brachten es damit in Verbindung, dass ich nur ein Gast auf Zeit war.

Wie vereinbart huschte Ben in die in den Trakt führende Tür und ließ mich vorerst zurück. Die Wartezeit war die Hölle. Aufmerksam lauschte ich und zuckte bei jedem Geräusch unweigerlich zusammen. Jede zufallende Tür bescherte mir Schweißausbrüche und jede noch so dumpfe Stimme jagte mir Schauer über den Rücken. Ohne Ben war ich hier wie auf dem Präsentierteller und keine Nische oder Mauervorsprung hatte mir Schutz vor neugierigen Blicken geboten.

Umso erleichterter war ich, als endlich die Tür aufschwang und ich von meinem Kumpel unauffällig hereingebeten wurde. Es war anders, als ich mir vorgestellt hatte. In meiner Vorstellung war hier ein hochmodernes Labor eingerichtet, in dem hinter luftdicht verschlossenen Plexiglaswänden hochgeheime Experimente auf Genbasis durchgeführt wurden. Die Realität sah aus, wie der Zellentrakt, in dem ich untergebracht war. Auch hier saß ein einsamer Wächter, der gelangweilt in einem Aktmagazin blätterte und die verschlissenen Seiten müde durch seine Finger gleiten ließ.

Montag, 17. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 52

Dass wir einen Plan hatten, war retrospektiv betrachtet maßlos übertrieben. Komplexe Pläne waren nicht die Stärke von Killer und alle seine Vorschläge basierten am Ende darauf, uns den Weg frei zu kämpfen. Angesichts der herrschenden Übermacht mit Sicherheit nicht die beste Idee. Weil ich zu wenig über Mannschaftsstärke, Bewaffnung, Örtlichkeit und Verteidigung wusste, konnte ich mich ebenfalls wenig kreativ einbringen, so dass wir beschlossen, in Etappen zu planen.

Vor allem mussten wir sicherstellen, dass niemand auffiel, dass Ben jetzt mit mir zusammen arbeitete. Er war mein großer Trumpf, aber nur solange, bis sein doppeltes Spiel auffiel. Er war der große gefallene Krieger des unangreifbaren Kriegsherren, der Saulus, der zum Paulus wurde, der sich unerkannt und ohne Misstrauen zu erwecken unter ihnen bewegen konnte.

Die erste Etappe war dem Zellentrakt zu entkommen. Zwischen uns und dem Ausgang daraus saß Hermann und trotz seiner offen nach außen getragenen verabscheuungswürdigen politischen Gesinnung hätte ich ihn nur ungern tot gesehen. Vielleicht lag es daran, dass er der einzige war, der sich um mich gekümmert hatte und mir zu essen gegeben hat. Nur deswegen war ich überhaupt noch bei fast vollen Kräften. So oder so war ich dem Kerl was schuldig. Mein Hass richtete sich einzig und allein gegen Sackschneider und Roggel. Das waren die Strippenzieher in diesem Horrorknast und speziell Sackschneider war ein absolut verabscheuungswürdiges Individuum obendrauf.

Das war auch im Interesse meines neuen Verbündeten, der in so manchem Schwerverbrecher einen Kameraden sah und sich nur ungern gegen sie stellte. Wir blieben bei der gewaltlosen Variante. Um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen, lockte Ben seinen Kameraden unter einem falschen Vorwand zu den Zellen. Der wiederum wollte sich seinen Befehlen gehorchend nur schwer davon überreden lassen, seinen Platz zu verlassen. Welche Verbrechen sie auch immer verübt haben mögen, hier waren sie ihrem Wachkommandanten ausgeliefert, der Vernachlässigungen der Dienstpflicht mit eiserner Faust ahndete.

Natürlich waren die Überredungskünste meines Freundes nicht so ausgeprägt, ganz im Gegensatz zu seinen Muskeln. Dank denen konnte er seiner nicht so ausgeprägten Argumentation noch zwei gewichtige Argumente hinzufügen, die den eher schmächtigen als Wächter eingesetzten Hermann durchaus zu überzeugen wussten. Das lockerte natürlich unsere gewaltlose Variante etwas auf, aber das Nasenbein würde sich reparieren lassen und die Schwellung am Auge auch irgendwann wieder zurückgehen. Obwohl er echt übel aussah, war ich mir sicher, dass Ben sich noch zurück gehalten hatte. Immerhin konnte er noch aus eigener Kraft laufen.

Die Fesseln und der Knebel waren nicht sehr kunstvoll, erfüllten aber ihren Zweck. Bis zum Wachwechsel vergingen noch ein paar Stunden und bis dahin war auch niemand da, der sich dafür interessierte, wenn er hinter der verschlossenen Tür Alarm geschlagen hätte. Zum Abschied flüsterte ihm mein neuer Kumpel noch ein paar Abschiedsworte ins Ohr und grinste bis über beide Ohren, während er sich zu mir gesellte. Natürlich war ich neugierig, was ihm solche Freude bereitete.

Sonntag, 16. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 51

Sein ohnehin schon zornerfülltes Gesicht wurde noch angespannter und die Röte breitete sich auf den ganzen Kopf aus.

„Scheiße Alter, woher weißt du das? Ich schwör dir, ich bring dich um, wenn jemand der anderen davon erfährt. Eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich dich nicht gleich umbringe.“

 Todesmutig setzte ich alles auf eine Karte. Die Zeit war knapp und ich konnte mir nicht erlauben, noch mehr davon zu verlieren. Kurz entschlossen ging ich auf ihn zu, schlang meinen Arm um seinen massiven Körper, sah ihm in die Augen und antwortete ihm entschlossen.

„Weil ich dein Freund bin Benny. Weil ich der einzige Mensch hier bin, der weiß, was du durchgemacht hast. Deswegen wirst du mir nichts antun. Deswegen werde ich dir helfen, dich an Sackschneider zu rächen und deswegen wirst du mir helfen, hier rauszukommen und mir helfen, meinen Sohn zu retten. Deswegen.“

Der Zorn wich aus seinem Blick und zurück blieb die rote Färbung. Gleichermaßen entspannte sich sein Körper.

„Mein Freund?“

Seine Stimme geriet ins Stocken.

„Ich hatte nie einen Freund. Nur Kameraden, mit denen ich gesoffen und gefeiert hab. Aber ich hatte noch nie einen Freund.“


Plötzlich erwiderten seine Arme die Umarmung und drückten mich fest an ihn. Wie ein Schraubstock wickelten sich die Oberschenkeldicken Arme um mich und gerade als ich Panik bekam, dass er mich vor Freude zerquetschen würde, lockerte sich der Griff und ich sah die Tränen in seinen Augen. 

Kapitel 4 - Teil 50

Wollte ich meiner Hinrichtung entkommen, musste ich trotzdem weiter gute Miene zum bösen Spiel machen. Nun, ich musste es zumindest versuchen, auch wenn es mir bei einem rechtsradikalen Mörder und Vergewaltiger nicht so wirklich leicht fiel.
 
„Wie viele Menschen haltet ihr in diesem sogenannten Liebestrakt gefangen?“, formulierte ich so neutral wie möglich.
 
„Ich hab die Schlampen nie gezählt, aber so um die fünfzig werden es schon sein. Und dann halt noch ein paar Typen, die die perversen Wünsche erfüllen. So wie die von Sackschneider.“
 
Die erneute Erwähnung des Wachkommandanten löste in mir eine erneute Ahnung aus.
 
„Du hasst den Kerl, oder? Also Sackschneider. Du hasst ihn, weil er eine Schwuchtel ist und ihr früher Schwule verprügelt habt. Hab ich Recht? Am liebsten würdest du ihm seinen Schwanz ausreißen und in seinen Arsch stecken. Das ist es doch, was du am liebsten mit dem scheiß Kinderficker machen würdest, oder?“
 
Sein vorher noch eher teilnahmsloser Gesichtsausdruck wandelte sich und wurde verbissener, ernster. Seine Augenschlitze verengten sich noch weiter und die Wangen nahmen eine rote Färbung an.
 
„Einmal hab ich ihn gesehen, wie er einen kleinen Jungen vergewaltigt hat. Der Kleine war noch keine zehn Jahre und er hat ihn mit einem Grinsen genommen, das selbst mir das Blut in den Adern hat gefrieren lassen. Weißt du, die Weiber, das sind Schlampen. Wie meine Mutter, die war auch eine Schlampe. Aber die Kinder, scheiße, die können doch nichts dafür.“
 
Wahrscheinlich aufgrund des emotionalen Aufruhrs öffnete sich erneut sein Geist vor mir und Erinnerungsfetzen bombardierten mich. Wieder sah ich den kleinen Ben, dieses Mal, wie er von einem älteren Mann belästigt wurde. Obwohl er nicht mehr so zerbrechlich wirkte, war er dem stärkeren Mann doch hilflos ausgeliefert. Emotional war er da aber bereits an einem Tiefpunkt angekommen. Wortlos und ohne eine Träne zu vergießen ließ er die Tortur über sich ergehen. Jahre später sollte er sich rächen. Bilder, wie er einen einstigen Peiniger halb tot schlug und ihm anschließend ein glühendes Stück Eisen in den After einführte, um ihm die Schmerzen zu demonstrieren, die er damals empfand. Den Teil der Geschichte behielt er damals natürlich für sich, aber für mich waren sie so deutlich zu sehen, als wäre ich dabei gewesen.
 
„Dann lass mich dir helfen, ihm eine Lektion zu erteilen. Danach holen wir Martin und fliehen von hier. Du musst nicht bei den Leuten hier bleiben. Vor allem aber müssen wir uns beeilen, bevor sie meine Freunde angreifen und die Kinder dort in euren Liebestrakt verlegen. Scheiße Benny, ich hab einen Sohn und du willst doch nicht, dass er in die Hände dieses Scheißkerls gelangt, oder? Verdammt, nochmal. Du weißt genau, wovon ich spreche, du hast die Scheiße doch selber durchgemacht, nicht wahr?“

Samstag, 15. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 49

Noch ein Treffer und mittlerweile war ich mir sicher, dass es kein Traum war, was mich die letzte Nacht heimgesucht hatte. Viel mehr hatte etwas versucht, durch meine Träume mit mir zu kommunizieren und mir wichtige Informationen an die Hand gegeben, die alle Ereignisse in ein neues Licht rückten und vielleicht eine Wende einläuten konnten.
 
„Warum willste das denn alles wissen?“, kam es zaghaft von Killer.
 
Möglicherweise kamen die Informationen aus meinem Unterbewusstsein, oder aus den Gedanken eines anderen hier stationierten Menschen. Eigentlich war es egal, wichtiger war, dass die überprüfbaren Informationen korrekt waren und vielleicht wirklich vieles, was wir zu wissen glaubten, einfach nur falsch war. So oder so musste ich diese Informationen an jene weitergeben, die davon nichts wussten. Außerdem hatte ich wirklich keinen Bock darauf, von Roggel oder Sackschneider hingerichtet zu werden. Die Zeit wurde knapp und für Höflichkeiten war keine Zeit mehr. Also ging ich, ohne näher auf seine Frage einzugehen, direkt auf Konfrontationskurs:
 
„Kannst du mich hier rausbringen?“
 
Überrascht riss er seine kleinen Schweinsäuglein auf und durchbohrte mich mit seinem Blick.
 
„Sag mal spinnst du? Selbst wenn ich dich aus der Zelle bringe, was dann? Du kommst hier nicht raus und selbst wenn, bin ich der Gearschte. Die reißen mir dann nicht nur den Arsch auf, am Ende lande ich noch im Liebestrakt und muss irgendeine Scheiße über mich ergehen lassen.“
 
„Welcher Liebestrakt?“, wollte ich wissen.
 
„Ach, scheiße, dort haben wir die Nutten. Ein paar Nutten für die einsamen Stunden. Frauen und Männer, falls einer von den Jungs keinen Bock auf Weiber hat. Angeblich vergnügt sich Sackschneider gern mit kleinen Jungs, aber ich glaub nicht, dass er ne Schwuchtel ist.“
 
„Du meinst jetzt ernsthaft, ihr habt ein paar Puffs abgegrast, und die Prostituierten zu euch gekarrt, um eure sexuellen Gelüste stillen zu können?“
 
„Nein“, widersprach er. „Nicht direkt. Es waren eher sowas wie Zwangsrekrutierungen, die wir in besetzten Gebieten vorgenommen haben.“
 
Für den Moment hatte es mir die Sprache verschlagen. Wortlos starrte ich den tumben Kerl an und rang nach Worten. Nicht nur, dass hier offen nationalistische und rassistische Tendenzen offen ausgelebt wurden, es wurden auch noch Menschen in die Sexsklaverei gezwungen, und sofern ich Killer richtig verstanden hatte, wurde auch auf Kinder keine Rücksicht genommen.

Auf der Suche nach Worten brachte ich nur „Das ist krank“ heraus, was bei meinem Gesprächspartner nur ein Schulterzucken auslöste.

Freitag, 14. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 48

Als die Sonne aufging, schlugen wir zu. Die Luftwaffe bombardierte ihre Nester und die Panzer rückten nach. Es war einfach. Nach den Panzern kamen wir und radierten aus, was übrig geblieben war. Nicht überall war es so einfach. In Wohngebieten, die von der Bombardierung verschont blieben, trafen wir auf teils heftigen Widerstand und mussten uns mehr als einmal zurückziehen. Aber nur kurz, denn die Bomben brachen auch den heftigsten Widerstand. In den Fällen leider nicht ohne zivile Verluste. Kollateralschäden. Nichts, worüber wir uns Gedanken machen wollten.
 
Am Ende des Tages unterschätzten wir aber unseren Gegner. Noch im Laufe des Tages rotteten sich die Überlebenden zusammen und attackierten uns koordiniert auf breitem Feld. Wieder traf es die Zivilisten und wieder war es uns egal. Wir zogen uns in unsere gesicherten Stellungen zurück und schickten die Bundeswehr raus, die Wehrlosen zu verteidigen. So im Nachhinein war das vielleicht alles keine so gute Idee, aber es konnte ja keiner wissen, dass es so ausgehen würde. Zum Glück hatten wir vorgesorgt und die Nahrungsmittelreserven unter unsere Kontrolle gebracht. Die Ernährung ist eintönig, aber macht satt. Naja, das dürftest du mittlerweile schon gemerkt haben.“
 
„Danke“, murmelte ich und überdachte die neuen Informationen. Natürlich konnte das immer noch ein Zufall sein, noch konnte ich mir nicht sicher sein. Ich musste so viele Informationen wie möglich herausfinden.
 
„Du hast doch die Eierköpfe erwähnt. Was machen die hier für Experimente?“
 
„Nicht so schöne Sachen. Die haben einen ganzen Zellentrakt für sich, in dem sie Monster gefangen halten. Die meisten sind ehemalige Soldaten, die sich verwandelt haben. Ein paar haben sich nicht verwandelt und sie schneiden sie auf, um herauszufinden warum. Warum sie sich verwandeln, oder eben auch nicht.“
 
Noch ein Treffer.
 
„Du meinst, sie töten sie und schneiden sie dann auf, um Hinweise zu finden?“, hakte ich nach.
 
Energisch schüttelte Benny den Kopf.
 
„Nein, nicht töten. Sie schneiden sie auf. Die Eierköpfe betäuben sie,  binden sie auf einen Tisch und schneiden sie auf, sobald sie wieder bei Sinnen sind. Sie sagen, dass die Veränderungen nur an einem lebenden Körper beobachtet werden können. Tote Körper würden nicht mehr von der veränderten Fisis oder so ähnlich profitieren.
 
Die großen starken bleiben dabei ganz ruhig. Du siehst nur ihr unheimliches Funkeln in den Augen und weißt genau, dass sie sich auf dich stürzen würden, wenn sie nur könnten. Bei den anderen ist das anders. Die schreien. Keine menschlichen Schreie, aber auch nicht die Schreie eines mir bekannten Tiers. Es sind unglaubliche Schreie, schmerzerfüllt und zugleich grausam. Obwohl ich in meinem Leben viel Scheiße gebaut hab, war selbst mir das zu viel. Keiner tut da unten gern Dienst, nur diese jüdischen Eierköpfe haben ein perverses Vergnügen an dem, was sie tun.“

Donnerstag, 13. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 47

Erschrocken starrte ich ihn mit weit aufgerissenen Augen an und wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Was hatte ich mir eigentlich gedacht? Dass ich ewig mit der Lüge hier weiterleben konnte? Wie verdammt naiv von mir.
 
Schlagartig war mein Mund ausgetrocknet und nur mühsam kamen mir die nächsten Worte über die Lippen.
 
„Wie? Wie werde ich hingerichtet?“
 
„Durch den Strang. Draußen im Hof am Basketballkorb. Hey, tut mir leid.“
 
Tatsächlich drückten seine Augen Mitgefühl und Trauer für mich aus. So gefühllos er zuvor gewesen war, so sehr kamen plötzlich die Emotionen in diesem Monster durch. Natürlich war ich davon beeindruckt, meine Stimmung vermochte das freilich wenig zu heben.
 
„Was … was ist mit Martin?“
 
„Dem geht’s gut. Roggel hat Wort gehalten und ihm seinen Aufenthalt angenehmer gestaltet. Der brabbelt auch immer irgendwas von Schildhäusern, die ihm jetzt nichts mehr antun können und hat dabei mit Sackschneider einen prominenten Zuhörer gefunden. Aus denen werden noch dicke Freunde, du brauchst dir da keine Sorgen machen. Die solltest du dir lieber um dich selber machen. Scheiße Konrad, ich hab gerade angefangen dich zu mögen.“
 
Nicht nur sein Blick, auch seine Stimme war sanfter als je zuvor. Sie drückte nicht nur Mitgefühl aus, sondern transportierte Freundschaft und wahre Emotionen. Etwas, für das ich ihn bei unserem ersten Kontakt nicht für fähig gehalten hatte.
 
„Danke.“
 
Über meine Sorge hinweg fiel mir mein vermeintlicher Traum wieder ein.
 
„Kannst du mir noch ein paar Fragen beantworten, bevor ich hingerichtet werde?“
 
Sein Nicken signalisierte mir Zustimmung und er setzte eine aufmerksame Miene auf, während ich meine erste Frage formulierte.
 
„Ich hatte heute Nacht einen seltsamen Traum. Es ging um den Tag, an dem alles begann. Ich weiß nicht wer und ich weiß nicht warum, aber irgendetwas sagt mir, dass nicht die Monster den ersten Stein geworfen haben. Weißt du etwas darüber?“
 
„Ja. Wir erhielten den Befehl zuzuschlagen. Berichte aus dem Ausland berichteten von furchtbaren Mutationen, Übergriffen und Massakern. Aus manchen Ländern erhielten wir gar keine Nachrichten mehr. In England wurde das Kriegsrecht ausgerufen und es gab Gerüchte, dass der Norden Englands aufgegeben wurde. Die Truppen haben sich zurückgezogen und die Menschen im Norden sich selbst überlassen. Der Befehl zum Zugriff kam am Tag vorher. Lagepläne wurden ausgegeben und wir operierten mit Einheiten der Bundeswehr. Der Großteil des Heers war mit der Sicherung von Einrichtungen beschäftigt, aber die Luftwaffe wurde uns komplett unterstellt. Dazu die meisten gepanzerten Truppenteile.