Samstag, 1. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 36

Wie schon bei unserer ersten Begegnung drehte er sich demonstrativ weg und schien sich anderen Beschäftigungen zu widmen, bevor ich von meinen zwei Schatten hochgehoben und grob zur Tür bugsiert wurde. Alles in mir rumorte und nur schwer konnte ich einen abschätzigen Kommentar hinunterschlucken, wobei mir ehrlich gesagt der Blick auf Sebastians geschundene Leiche dabei sehr behilflich war. Tod würde ich niemand nutzen und noch hatte ich mich nicht aufgegeben.
 
Zurück im Zellentrakt verabschiedete Ben seinen Kameraden und bugsierte mich allein zu meiner Zelle. Dort angekommen, schloss er nicht wie erwartet die Tür hinter mir, sondern begleitete mich noch hinein. Sein Gesichtsausdruck ähnelte wieder demjenigen, der er aufgesetzt hatte, als ich ihm davon berichtete, was ich aus seiner Aura gelesen hatte. Fragend, hilflos und beinahe verloren stand er vor mir.
 
„Woher wusstest du das alles? Verdammte scheiße, lüg mich nicht an, oder ich brech dir sämtliche Knochen im Körper. Nicht mal Sackschneider weiß so viel von mir und den kenn ich schon seit Jahren.“
 
Fast tat er mir leid, wie er so dastand mit hängenden Schultern und Tränen in den Augen. Hinter seiner Fassade blitzte das verunsicherte Kind durch, das er gewesen war, als er von seinem Vater traktiert wurde. Damals konnte er nicht begreifen, warum er das tat und später wollte er es nicht mehr begreifen, vertrieb den Schmerz mit Alkohol und Gewalt.
 
Noch immer war seine Gestalt furchteinflößend, und doch wandelte sich meine Furcht immer mehr in Mitleid. Trotzdem wich ich vor meiner Antwort ein paar Schritte zurück. Mein Mitleid hätte mich nicht vor seiner Faust beschützt.
 
„Es tut mir wirklich leid, aber wie ich dir schon gesagt habe, kann ich es dir nicht sagen. Es war einfach da, die Gedanken flogen mir zu, drängten sich mir in dem Moment förmlich auf.“
 
Dieses Mal kämpfte er gegen seine Tränen nicht weiter an und so strömten sie hemmungslos aus seinen Augen, während er sich auf mein Bett fallen ließ. Gefährlich quietschte das Gestell unter der Last  des Schwergewichts und bog sich verdächtig stark durch.
 
„All die Jahre.“
 
Er machte eine kurze Pause, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen.
 
„All die ganzen Jahre verschwendet. Weißt du wie sie mich nennen? Killer. Sie nennen mich Killer. Weil ich meine Opfer tot prügle. Nicht nur eins oder zwei. Wenn ich in einen Blutrausch verfalle, lege ich den ganzen Schmerz in meine Schläge. Oft komme ich erst wieder zu mir, wenn alles schon längst vorbei ist. Dann stehen sie um mich rum, manche johlen, andere schauen entsetzt und von allen spüre ich Respekt. Den verdammten Respekt, den mir mein Alter vorenthalten hat.
 
Als mir Sackschneider den Job anbot, musste ich einfach ja sagen, verstehst du? Ich durfte tun was ich wollte und alles unter dem Mantel der Notstandsgesetze. Nicht nur ich hab die Chance ergriffen, fast die ganze Truppe hier setzt sich aus ehemaligen Insassen zusammen. Sackschneider war mal Aufseher, wurde aber gefeuert, als rauskam, dass er mit uns Kameradschaftsabende veranstaltete.
 
Sieht man ihm gar nicht an, oder? Er wirkt eher wie ein dummer Tölpel, aber glaub mir, hinter der Fassade steckt ein rücksichtsloser, brutaler und verdammt raffinierter Saukerl. Der hat die Gefängnisleitung jahrelang beschissen und Kollegen geschmiert. Die haben erst was gemerkt, als er verpfiffen wurde. So eine kleine Türkensau hat sich von unseren Kameradschaftsabenden belästigt gefühlt, hat dem Direktor alles erzählt. Bei einer internen Untersuchung kam dann alles raus. Der Schnaps, die Kameradschaftsmusik und die Nutten. Dabei waren die gar nicht so oft hier. Das war der schwierigere Teil, aber manchmal hatte er eine frische Lieferung aus irgendwelchen Ostblockstaaten. Die waren anfangs noch etwas widerspenstig, aber meist genügte ein Kameradschaftsabend, um sie gefügiger zu machen.
 
Ausgerechnet an einem solchen Abend sprengte der Direktor unsere kleine Feier. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, wer sich die kleine Verrätersau vorgenommen hat, oder? Auch der Direktor hat seine Abreibung erhalten und sitzt jetzt unten bei Einstein.“

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