Dienstag, 4. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 38

Ein Schulterzucken, dann richtete er von unten seine Augen auf mich.
 
„Ja, ich glaub schon. Normal hab ich im Funkraum ja nichts verloren, aber ich kenn den Funker, der mir davon erzählt hat. Eure Funksprüche waren ja nicht die einzigen. Wir haben hier eine sehr leistungsfähige Anlage, die alle Funkschlüssel der Bundeswehr kennt. Natürlich gab es auch noch einige Amateurfunker, die aber alle in den letzten Wochen nach und nach verstummten. Tja, nur die Starken überleben. Die Schwachen machen den Starken Platz und wir sind stark genug, ihren Platz einzunehmen.“
 
Der Mangel an Empathie war erschreckend. Auch angesichts der Katastrophe und seines persönlichen Leidenswegs war ich entsetzt über das zur Schau gestellte Weltbild.
 
„Habt ihr euch denn nie über die Leute Gedanken gemacht?“
 
Wieder das Schulterzucken. „Nö, warum sollten wir? Wir haben hier genügend Mäuler zu stopfen und die Eierköpfe sind auch bedient. Hey, ich weiß gar nicht, warum ich dir das alles überhaupt erzähle. Eigentlich geht dich das nichts an.“
 
„Weil ich der einzige hier bin, der dich versteht Benny. Weil ich weiß, was du durchmachen musstest und ich dein einziger Freund bin. Deswegen erzählst du mir alles“, hörte ich mich sagen. Wieder kam es einfach so aus mir heraus, wieder das Resultat einer plötzlichen Eingebung und wieder traf ich genau ins Schwarze. Erst überlegte er nur, dann sah er zu Boden und nickte dabei langsam.
 
„Wahrscheinlich hast du Recht. Ich war immer ein Einzelgänger, auch in der Gruppe. Ich bin Killer, sie respektieren mich, aber sie gehen mir aus dem Weg, tuscheln hinter meinem Rücken und ich glaube, insgeheim haben sie Angst vor mir. Ich kann es ihnen noch nicht einmal verübeln. Hey, ich bin ein echt übler Bursche, weißt du?“
 
Für einen Moment blitzte tatsächlich so etwas wie Reue durch. Für diesen klitzekleinen Moment verschwand die Empathie aus seiner Stimme und machte der Gewissheit Platz, sein Leben an den Hass und die Gewalt verschwendet zu haben. Es war, als würde sein Gewissen aus einem jahrelangen Schlaf geweckt werden. Ich musste versuchen, mir seine momentane Stimmung zu Nutzen zu machen.
 
„Jeder macht mal Fehler im Leben, aber du hast jetzt die Chance, einiges davon wieder gut zu machen.“
 
„Ach, und wie stellst du dir das vor?“, zischte er mich an. „Kannst du die Toten wieder ins Leben zurückholen? Kann das irgendwer? Was denkst du dir, wer du bist? Einer dieser Prediger, die für mich Gott um Vergebung für meine Sünden bitten wollen? Der letzte Pfaffe, der mich bekehren wollte, hat ein paar Schneidezähne verloren.“
 
„Nein“, entgegnete ich kopfschüttelnd. „Tote kann ich nicht ins Leben zurückholen und ich glaube an keinen Gott, den ich um Vergebung bitten könnte. Aber du hast ein Gewissen und dieses Gewissen wird dich ab jetzt den Rest deines Lebens verfolgen. Die unzähligen Opfer deiner Gewalttaten werden dich mit Grabesstimmen in den Schlaf singen und mit dem Geheul der Toten am Morgen wecken. Sie werden allgegenwärtig sein und du wirst Trauer empfinden. Nicht nur für deine Opfer, auch um dich wirst du trauern und die Sinnlosigkeit deines Lebens erkennen.“

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