Mittwoch, 5. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 39

Wutentbrannt sprang er auf und erneut war ich überrascht, wie schnell seine Stimmung umschlagen konnte.
 
„Das ist doch Bullshit. Du versuchst mich doch nur zu manipulieren. Schon die ganze Zeit. Leck mich doch am Arsch“, schrie er, während er zur Tür stürmte und sie anschließend hinter sich ins Schloss warf. Auf dem Flur hörte ich noch einmal kurz sein Brüllen, dann war ich wieder allein. Die Einsamkeit legte sich wie ein Leichentuch über mich und vertrieb erneut alle meine Hoffnungen. Wie sehr hatte ich gehofft, einen neuen Verbündeten gefunden zu haben. Für einen Moment sah es wirklich so aus, als hätte ich ihn gebrochen, wäre zu seinem Gewissen vorgedrungen. Wie auch immer ich das angestellt hatte.
 
Vielleicht war es doch nicht nur eine Einbildung, dass ich fremde Emotionen spüren konnte. Hatte ich nicht in letzter Zeit schon häufiger das Gefühl, zu ahnen, wie sich mein Gegenüber fühlte? Seinen Höhepunkt hatte dieses Gefühl, als wir vor dem Tor der Anstalt standen  und ich um mein Leben fürchtete. Es war als hätte ich Sackschneiders Gedanken empfangen und ihnen so begegnet, um unseren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Oder nach aktuellem Stand wenigstens meinen. Zwei unserer Kameraden hatten wir schon verloren und ich wollte nicht auch noch Martin verlieren.
 
Auch heute fürchtete ich um mein Leben, aber die Eindrücke von Ben waren viel stärker. Statt Gefühlen empfing ich Erinnerungen, die sich mir förmlich aufdrängten. Es war so, als wollten diese nicht länger zurückgehalten werden. Vielleicht empfing ich sie deswegen, weil Benny sich unbewusst öffnen wollte. Seine über die vielen Jahre zurückgehaltene Menschlichkeit bahnte sich ihren Weg nach draußen und suchte verzweifelt nach einem Empfänger und fand ihn in mir.
 
Was war mit mir passiert?
 
Es musste mit dem Tag in der Kirche zusammenhängen. Etwas passierte dort mit mir. All diese Empfindungen, die dort auf mich einströmten, vielleicht waren das die gesammelten Emotionen der vor der Kirche verharrenden Monster? Hatten mich damals auf der Rückfahrt Hofstetters Gefühle übermannt? Noch lang grübelte ich darüber nach, ohne zu einem für mich befriedigenden Ergebnis zu kommen, bis ich vom Schlaf übermannt wurde und in einen unruhigen Schlaf fiel.

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