Donnerstag, 6. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 40

Ich war umzingelt von Bäumen. Egal wohin ich mich wandte, überall standen die hölzernen Giganten wie eine massive Wand und hinderten mich daran, den Ort zu verlassen. So sehr ich mich auch bemühte, die Baumkronen auszumachen, konnte ich das Ende der Stämme nicht erkennen. Sie verschwanden auch nicht in den Wolken, sie schienen einfach nicht zu enden.
 
Trotz der Größe passte keine Handbreit zwischen zwei Stämme. Nur wenige Meter hatte ich und streckte ich meine Hände aus, berührten sie an jeder Seite die ungleichmäßige Rinde der Riesen.
 
Vorsichtig trat ich einen Schritt vor und sah meinen Platz schrumpfen. Der Schritt brachte mich den Bäumen nicht näher, sondern die Bäume näher zu mir. Trotzdem tat ich noch einen Schritt und wieder rückten sie näher zu mir auf. Panik überfiel mich. Durch meine zwei Schritte hatte sich mein Platz halbiert, so dass ich nicht einmal mehr die Arme voll ausstrecken konnte. Trotzdem tat ich noch einen Schritt und noch einen und noch einen, bis ich gar keinen Schritt mehr machen konnte.
 
Von allen Seiten hatten sich die Stämme an mich geschmiegt und verhinderten jede weitere Bewegung. Es war ein Gefühl, als müsste ich sterben, als würden die Bäume zu meinem hölzernen Sarg werden und die Natur zu meinem Grab. Das Panikgefühl wurde stärker und ich versuchte meine Muskeln anzuspannen. Ich stemmte mich so gut es ging gegen das Holz und erreichte doch nur, dass sich die harte Rinde in meine Haut bohrte und der Platz weiter schrumpfte.
 
Entnervt gab ich auf und verharrte dort einfach und schloss die Augen. Die Luft wurde mir zusehends aus den Lungen gepresst und meine Atemzüge blieben erfolglos. Als ich die Augen wieder öffnen wollte, drückte mir etwas von draußen die Augenlider mit Gewalt herab. Außerdem verstärkte sich der Druck von den Bäumen erneut und gerade als ich dachte, ich würde zwischen ihnen zerquetscht werden, fiel ich. Nur kurz, aber bevor ich reagieren konnte, krachte ich auf den Boden und schlug mir die Arme auf dem harten Boden auf. Feine Kieselsteine klebten an meiner Handfläche und rote Kratzer zogen sich schmerzend am Ballen entlang.
 
Ich konnte auch wieder die Augen öffnen und bemerkte, dass es schlagartig dunkel geworden war. Hinter der Dunkelheit erblickte ich einen Pfad, der sich durch die Bäume hindurch schlängelte. An den Ästen hingen Laternen, die an die Laternen erinnerten, wie sie Kinder an Sankt Martins-Umzügen vor sich her trugen. Statt niedlicher Motive trugen sie aber die Züge der „anderen“. Animalisches Grinsen, und lange spitze Hauer, die über die Laternen hinaus reichten, verzierten die Papierlampen, während darin kleine Kerzen wie Totenlichter flackerten.
 
Aus Mangel an Alternativen folgte ich dem Pfad und ging voran ins Unbekannte. Kleine Steine knirschten bei jedem Schritt unter meinen Schuhen und hauchten der Szenerie dadurch etwas mehr Leben ein, nahmen etwas von der vorherrschend Unwirklichkeit. Davon abgesehen war es still. Gespenstisch still. Weder konnte ich Tiere hören, noch Wind, der sich in den Blättern der Bäume verfing.

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