Freitag, 7. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 41

Und obwohl ich auch keinen Wind spürte, flackerten die Lichter weiter hinter dem farbigen Papier und warfen Schatten auf den Boden. Wie die Lichter, sprangen auch die Schatten wild umher, als wären sie Wesen aus Fleisch und Blut, bereit über mich herzufallen, sollte ich es wagen, mich ihnen zu nähern. Der Weg indes schien kein Ende zu nehmen, wand sich weiter durch die Stämme und führte mich zurück in eine Sackgasse. Ich trat aus dem Licht und war sofort in Schwärze gehüllt.
 
Als ich mich wieder umdrehte, war der Weg verschwunden, und mit ihm die Lampen und das gespenstische Flackern. Also war ich wieder so weit wie zuvor, mit dem Unterschied, dass ich dieses Mal keine Ahnung hatte, wie viel Platz mir zur Verfügung stand. Also ging ich. Ich ging einfach. Die Richtung war egal, jede Richtung war so gut wie die andere. Die Hände trug ich schützend vor mir her und nach nur wenigen Schritten fanden sie ein Hindernis. Zögernd tastete ich weiter nach dem Hindernis. Es fühlte sich an wie schwerer Stoff, wie ein schwerer Bühnenvorhang, der eine mir unsichtbare Bühne verhüllte. Weil ich zurück ins Rampenlicht wollte, zog ich daran und mit einem Ruck löste er sich und rutschte zu Boden.
 
Dahinter war wieder ein Pfad, der direkt zu einem hell erleuchteten Haus führte. Das Licht war ausreichend um den ungefähr 20 Meter langen Pfad so weit zu erleuchten, dass ich ihm gefahrlos folgen konnte. Ein Schild vor dem Haus wies es als Gaststätte ‚Zur Inneren Einkehr‘ aus. Ein schmuckloses Gebäude, ungastlich und kalt, aber doch zog es mich dahin, wie die Motte zum Licht. Die Fassade war weiß gekalkt, die Tür schnörkellos braun mit einer hässlichen Durchschnittsklinke. Das Dach wiederum verschwand hinter Ästen und verlor sich im Dunkel der Nacht.
 
Mit wenigen Schritten brachte ich die Distanz hinter mich und entgegen meiner Erwartungen entfernte es sich mit jedem Schritt nicht weiter. Wie ein normales Haus blieb es da stehen und erwartete einfach weiter meine Ankunft. Aus Angst, dass es mir wieder entfliehen konnte, rannte ich die letzten Schritte trotzdem, und riss die Türklinke mit Gewalt nach unten. Die Tür schwang nach innen und das austretende Licht blendete mich so stark, dass ich die Augen abschirmen musste.
 
So verharrte ich vor der Tür und trat mit zusammen gekniffenen Augen in den Flur, in das Licht, hinein. Langsam gewöhnten sich die Augen an das ungewöhnlich helle Licht und als ich es wagte, den Blick schweifen zu lassen, setzte sich der ungastliche und schmucklose äußere Eindruck im inneren fort. Graue Fliesen lagen auf dem Boden und nur drei Türen unterbrachen das monotone Weiß der Wände. Das Licht kam von einer nackten Glühbirne, die an zwei dünnen Drähten an der Decke hing. Die davon ausgehende Helligkeit war nicht nur ungewöhnlich, sie verursachte langsam Kopfschmerzen und brannte auf meiner Pupille.
 
Den Blick abzuwenden half nur bedingt und ich beschloss mein Heil in einer der drei Türen zu suchen. Keinerlei Kennzeichnung verriet, was sich hinter den Türen verbarg, so dass ich spontan die erste zu meiner Linken erwählte. Vorsichtig legte ich mein Ohr dagegen und horchte hinein. Angenehme Wärme umspielte meine Ohren, aber noch immer waren keine Geräusche zu hören. Wo keine Geräusche sind, ist auch keine Gefahr, lautete meine einfache Logik, also drückte ich die Tür auf.

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