Samstag, 8. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 42

Hinter der Tür erwartete mich ein nackter Gastraum. Tische und Stühle wie aus einer Betriebskantine der siebziger Jahre standen da sauber aufgereiht und wie zuvor vermochte keinerlei Wandschmuck die optische Tristesse aufzuhellen. Helligkeit ging wie auch im Flur wieder nur von einer nackten Glühbirne aus, die hier aber weit weniger grell leuchtete. Zu meiner Überraschung war ich aber nicht allein. Zwei ältere Herren saßen da, Pfeife rauchend und stumm, einander anstarrend und mich ignorierend.
 
Der etwas Ältere hatte lichtes weißes Haupthaar, trug einen weißen Vollbart, ein schmuckloses beiges Jackett und darunter einen brauen Pullover. Der Professor. Seine Nase stach auffällig spitz aus dem Gesicht hervor und  bildete den einzigen optischen Kontrast zu dem unauffälligen Äußeren. Der andere dagegen hatte volles Haar, wirkte aber mit seiner massiven Gestalt wesentlich auffälliger. Ein alter blauer und ausgeleierter Pullover wickelte sich um seine Hüften und sein Brustkorb hob und senkte sich unter seinen tiefen Atemzügen. Seine Nase war mit unreinen Poren überzogen und dicke Schweißflecken hatten sich unter seinen Achseln gebildet. Zusammen bildeten sie ein stummes Traumduo, wirkten wie herausgerissen aus einer Diskussion zwischen Vernunft und Bauchgefühl.
 
Auch als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, starrten sie sich weiter nur stumm an und ignorierten weiter meine Anwesenheit. Langsam trat ich näher und außer den Atembewegungen des etwas fülligeren der beiden, bewegten sie keinen Muskel, noch nicht einmal die Augenlider. Erst als ich einen Stuhl herauszog und mich daran machte, mich zu ihnen gesellen, richteten sich ihre Augen zögernd auf mich.
 
„Da bist du ja endlich“, eröffnete der Professor das Gespräch.
 
„Wir dachten schon, du kommst nicht mehr. Wir haben ja schließlich auch nicht den ganzen Tag Zeit“, ergänzte der Füllige.
 
„Setz dich doch bitte, und lass uns nicht noch mehr Zeit verlieren“, fing der Bärtige wieder an. „Du weißt doch, warum du hier bist, oder?“
 
Ratlos blickte ich den beiden in die Augen und zuckte mit den Schultern. Natürlich hatte ich keine Ahnung, warum ich hier war. Woher auch? Eben noch lag ich in einer schmucklosen Zelle und im nächsten Moment wurde ich von Bäumen zerquetscht und auf einen Weg ausgespuckt. Nur um von dort schließlich in einer Gaststätte zu landen, die einen so dermaßen einfallslos plakativen Namen trug, dass es fast schon weh tat. Natürlich war ich in einem Albtraum. Natürlich. Jetzt, wo ich das erkannt hatte, konnte ich aus daraus erwachen. Oder auch nicht. Alles blieb. Der karge Gastraum, der angenehme Geruch, von langsam verglühenden Kräutern und zwei ältere Herren mit stark gegensätzlicher Ausstrahlung. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich weiter meiner inneren Einkehr zu stellen. Also blickte ich ratlos in die Richtung der Beiden und wartete darauf, dass sie mir die Erklärung lieferten, womit ich mir allerdings den Unbill des Übergewichtigen zuzog.
 
„Siehst du, ich hab’s dir doch gleich gesagt“, polterte er los. „Nie wissen sie etwas. Alle sind ahnungslos. Niemand weiß, was wir von ihm wollen. Es ist immer das Gleiche. Wir reden mit Ihnen, und sie hören uns nicht zu. Es ist wirklich immer das Gleiche. Wirst du uns zuhören?“, sagte er an mich gewandt.

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