Dienstag, 11. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 45

„Der Ort ist von denen bevölkert, die für den Massenexodus verantwortlich sind. Außerdem werden hier Experimente an den Unsrigen durchgeführt. Die meisten derer, die hier leben, haben den Tod verdient. Nicht nach menschlich moralischen Gesichtspunkten, aber nach den moralischen Werten, die wir vertreten.“
 
Ein dünner Schweißfilm hatte sich auf der Stirn des Kerls mit dem schweren Knochenbau gebildet, während er so dastand  und auf mich einredete. Seine Adern traten hervor und vom vielen Sprechen ging angestrengt sein Atem.
 
„Aus dem Grund liegen sie da draußen und faulen unbeachtet vor sich hin und erhalten im Tod keine Würde. Wir haben eure Toten beerdigt. Wir haben dafür gesorgt, dass sie ein würdiges Begräbnis erhielten.“
 
Nachdem er den wütenden Ausführungen seines Gegenübers gelauscht hatte, übernahm der Bärtige wieder das Wort.
 
„Ihr müsst damit aufhören. Dann können wir an einer gemeinsamen Zukunft mit gegenseitigem Respekt voreinander arbeiten. Wir wollten nie einen Krieg. Wir wollten keine Toten und keine Opfer.“
 
Die Grenzen von Traum und Realität waren verwischt und schon lange hatte ich nicht mehr den Eindruck in einem Traum zu sein. Es fühlte sich so wirklich an. Der Rauch der Pfeifen kräuselte sich und kitzelte in meiner Nase. Das Knistern des Tabaks war überdeutlich und die Anwesenheit der Beiden ließ sich auch nicht leugnen. Es war, als hätte ich meine Zelle verlassen und wäre physisch in diesem seltsamen Gasthaus anwesend. Meine ständigen Versuche, aus diesem vermeintlichen Traum zu erwachen, waren auch erfolglos. Also blieb ich und hörte weiter zu. Obwohl ich noch immer nicht wusste, wer mir gegenüber saß, war ich mir jetzt sicher, dass sie mir Antworten geben konnten. Eine Antwort darauf, warum das alles passiert war, warum Menschen sich verwandelt hatten, warum Menschen sterben mussten und warum wir uns jetzt vor ihnen versteckt halten mussten. 
 
„Aber ihr wolltet die Menschen. Was ist mit denen passiert, deren Körper ihr übernommen habt?
 
Wieder knisterte der Tabak, während der Bartträger einen tiefen Zug aus seiner Pfeife nahm. Die Stirn in Falten gelegt paffte er den Rauch aus, während ihn der andere auffordernd ansah.
 
„Wir haben keine Körper übernommen. Wir haben ihnen eine neue Existenz angeboten. Wir haben ihnen eine neue Zukunft, ein schöneres Leben, offeriert. Alle haben ihr Los freiwillig angenommen und damit die Transformation eingeleitet.“
 
„Und wie sieht dieses schönere Leben aus? Nackt durch den Wald zu hüpfen und sich von Gras ernähren?“
 
„Nein. Es gilt zu den Wurzeln der Existenz zurück zu kehren. Das abzustreifen, was euch so viele Generationen eingeengt hat. Das Korsett der Zivilisation, das ihr wie ein Schutzschild vor euch tragt. Davon haben wir eure Rasse befreit und für so viele ein neues Leben eingeläutet. Frei von Moral, Zwängen und Ängsten. Das ist unser Geschenk an euch.“
 
„Und wer seid ‚ihr‘? Gott oder Satan? Engel oder Teufel?“

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