Donnerstag, 13. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 47

Erschrocken starrte ich ihn mit weit aufgerissenen Augen an und wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Was hatte ich mir eigentlich gedacht? Dass ich ewig mit der Lüge hier weiterleben konnte? Wie verdammt naiv von mir.
 
Schlagartig war mein Mund ausgetrocknet und nur mühsam kamen mir die nächsten Worte über die Lippen.
 
„Wie? Wie werde ich hingerichtet?“
 
„Durch den Strang. Draußen im Hof am Basketballkorb. Hey, tut mir leid.“
 
Tatsächlich drückten seine Augen Mitgefühl und Trauer für mich aus. So gefühllos er zuvor gewesen war, so sehr kamen plötzlich die Emotionen in diesem Monster durch. Natürlich war ich davon beeindruckt, meine Stimmung vermochte das freilich wenig zu heben.
 
„Was … was ist mit Martin?“
 
„Dem geht’s gut. Roggel hat Wort gehalten und ihm seinen Aufenthalt angenehmer gestaltet. Der brabbelt auch immer irgendwas von Schildhäusern, die ihm jetzt nichts mehr antun können und hat dabei mit Sackschneider einen prominenten Zuhörer gefunden. Aus denen werden noch dicke Freunde, du brauchst dir da keine Sorgen machen. Die solltest du dir lieber um dich selber machen. Scheiße Konrad, ich hab gerade angefangen dich zu mögen.“
 
Nicht nur sein Blick, auch seine Stimme war sanfter als je zuvor. Sie drückte nicht nur Mitgefühl aus, sondern transportierte Freundschaft und wahre Emotionen. Etwas, für das ich ihn bei unserem ersten Kontakt nicht für fähig gehalten hatte.
 
„Danke.“
 
Über meine Sorge hinweg fiel mir mein vermeintlicher Traum wieder ein.
 
„Kannst du mir noch ein paar Fragen beantworten, bevor ich hingerichtet werde?“
 
Sein Nicken signalisierte mir Zustimmung und er setzte eine aufmerksame Miene auf, während ich meine erste Frage formulierte.
 
„Ich hatte heute Nacht einen seltsamen Traum. Es ging um den Tag, an dem alles begann. Ich weiß nicht wer und ich weiß nicht warum, aber irgendetwas sagt mir, dass nicht die Monster den ersten Stein geworfen haben. Weißt du etwas darüber?“
 
„Ja. Wir erhielten den Befehl zuzuschlagen. Berichte aus dem Ausland berichteten von furchtbaren Mutationen, Übergriffen und Massakern. Aus manchen Ländern erhielten wir gar keine Nachrichten mehr. In England wurde das Kriegsrecht ausgerufen und es gab Gerüchte, dass der Norden Englands aufgegeben wurde. Die Truppen haben sich zurückgezogen und die Menschen im Norden sich selbst überlassen. Der Befehl zum Zugriff kam am Tag vorher. Lagepläne wurden ausgegeben und wir operierten mit Einheiten der Bundeswehr. Der Großteil des Heers war mit der Sicherung von Einrichtungen beschäftigt, aber die Luftwaffe wurde uns komplett unterstellt. Dazu die meisten gepanzerten Truppenteile.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen