Montag, 17. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 52

Dass wir einen Plan hatten, war retrospektiv betrachtet maßlos übertrieben. Komplexe Pläne waren nicht die Stärke von Killer und alle seine Vorschläge basierten am Ende darauf, uns den Weg frei zu kämpfen. Angesichts der herrschenden Übermacht mit Sicherheit nicht die beste Idee. Weil ich zu wenig über Mannschaftsstärke, Bewaffnung, Örtlichkeit und Verteidigung wusste, konnte ich mich ebenfalls wenig kreativ einbringen, so dass wir beschlossen, in Etappen zu planen.

Vor allem mussten wir sicherstellen, dass niemand auffiel, dass Ben jetzt mit mir zusammen arbeitete. Er war mein großer Trumpf, aber nur solange, bis sein doppeltes Spiel auffiel. Er war der große gefallene Krieger des unangreifbaren Kriegsherren, der Saulus, der zum Paulus wurde, der sich unerkannt und ohne Misstrauen zu erwecken unter ihnen bewegen konnte.

Die erste Etappe war dem Zellentrakt zu entkommen. Zwischen uns und dem Ausgang daraus saß Hermann und trotz seiner offen nach außen getragenen verabscheuungswürdigen politischen Gesinnung hätte ich ihn nur ungern tot gesehen. Vielleicht lag es daran, dass er der einzige war, der sich um mich gekümmert hatte und mir zu essen gegeben hat. Nur deswegen war ich überhaupt noch bei fast vollen Kräften. So oder so war ich dem Kerl was schuldig. Mein Hass richtete sich einzig und allein gegen Sackschneider und Roggel. Das waren die Strippenzieher in diesem Horrorknast und speziell Sackschneider war ein absolut verabscheuungswürdiges Individuum obendrauf.

Das war auch im Interesse meines neuen Verbündeten, der in so manchem Schwerverbrecher einen Kameraden sah und sich nur ungern gegen sie stellte. Wir blieben bei der gewaltlosen Variante. Um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen, lockte Ben seinen Kameraden unter einem falschen Vorwand zu den Zellen. Der wiederum wollte sich seinen Befehlen gehorchend nur schwer davon überreden lassen, seinen Platz zu verlassen. Welche Verbrechen sie auch immer verübt haben mögen, hier waren sie ihrem Wachkommandanten ausgeliefert, der Vernachlässigungen der Dienstpflicht mit eiserner Faust ahndete.

Natürlich waren die Überredungskünste meines Freundes nicht so ausgeprägt, ganz im Gegensatz zu seinen Muskeln. Dank denen konnte er seiner nicht so ausgeprägten Argumentation noch zwei gewichtige Argumente hinzufügen, die den eher schmächtigen als Wächter eingesetzten Hermann durchaus zu überzeugen wussten. Das lockerte natürlich unsere gewaltlose Variante etwas auf, aber das Nasenbein würde sich reparieren lassen und die Schwellung am Auge auch irgendwann wieder zurückgehen. Obwohl er echt übel aussah, war ich mir sicher, dass Ben sich noch zurück gehalten hatte. Immerhin konnte er noch aus eigener Kraft laufen.

Die Fesseln und der Knebel waren nicht sehr kunstvoll, erfüllten aber ihren Zweck. Bis zum Wachwechsel vergingen noch ein paar Stunden und bis dahin war auch niemand da, der sich dafür interessierte, wenn er hinter der verschlossenen Tür Alarm geschlagen hätte. Zum Abschied flüsterte ihm mein neuer Kumpel noch ein paar Abschiedsworte ins Ohr und grinste bis über beide Ohren, während er sich zu mir gesellte. Natürlich war ich neugierig, was ihm solche Freude bereitete.

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