Donnerstag, 27. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 61

Etwas zerstörte den Fluss. Die Strömung wurde wilder, unkoordinierter und riss mich wie einen Spielball herum. Sie zerrte an mir, zog an mir und drang in mich ein. Plötzlich war sie verschwunden. Alles war verschwunden und ich sah Gruczynsky vor mir stehen, wie er mich an den Schultern packte und auf mich einredete. Oder vielmehr schrie er. Ich konnte den Sinn seiner Worte nicht verstehen. Ich hörte die Geräusche, konnte in ihnen aber keinen Sinn erkennen.

Erst langsam kam es zurück. Die Erinnerung an Worte und ihre Bedeutung. Die Abkehr der zuvor erlebten animalischen Wut, wieder hin zu verbaler Kommunikation. Andere Stimmen mischten sich darunter und ich erkannte Ben darunter. Verdutzt fiel ich zurück in meine Realität und nahm das Stimmengewirr wieder wahr.

„ ... Reagiert immer noch nicht. Wir müssen ihn aufwecken, andernfalls verlieren wir ihn.“

„Wir müssen ihn untersuchen. Er könnte das Bindeglied darstellen.“

„ … müssen ihn hier raus schaffen, bevor Roggel uns alle hinrichten lässt.“

„Wer ihn anfasst, dem brech ich persönlich die Arme!“

Erst als ich einen Schritt zurückwich, verstummten die Stimmen schlagartig. Gruczynskys Hände lösten sich von meinen Schultern und hingen wie sterbende Äste in der Luft. Neben Ben sah ich noch die komplette Riege der hier versammelten Eierköpfe und tatsächlich empfand ich die Bezeichnung mittlerweile für die versammelte Truppe an Inkompetenz eher als Kompliment, denn als abfällig.

„Ihr seid schuld“, schrie ich, streckte den Zeigefinger aus und schwenkte ihn in einer Halbkreisbewegung. „Ihr alle. Ihr habt sie getötet, gequält und damit eine kollektive Wut ausgelöst, die die Krieger erschaffen hat. Sie wollten in Frieden mit uns leben und ihr habt sie angegriffen, sie ausgerottet wie Tiere. Männer, Frauen und Kinder, rücksichtslos habt ihr sie attackiert und Tausende von ihnen kaltblütig ermordet. Ich habe alles gesehen. Alles. Kollektive Erinnerungen, die in den Überlebenden weiter existieren und telepathisch weitergegeben werden. Ihr seid doch die Monster, nicht diese Mutationen hier.“

Erschrockene Gesichter, wer zu nah stand, tat lieber einen Schritt nach hinten und in Bens Gesicht war ein Ausdruck, den ich nie zuvor an ihm bemerkte. Ein Anflug von Reue vielleicht? Alle waren sie sprachlos und starrten mich an. Sie starrten auf meinen zornigen Gesichtsausdruck, die erregte Atmung und die mit Sicherheit heraustretenden Blutgefäße an der Stirn. Meine Frau nennt mich scherzhaft ihren kleinen Teufel, wenn ich zornig bin, weil sie dann wie Hörner heraustreten. Zum Scherzen war mir momentan aber sich nicht zumute.


Als erster fand der untersetzte Arzt seine Fassung wieder.

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