Freitag, 28. Juni 2013

Kapitel 4 - Teil 62

„Bitte beruhigen Sie sich Herr Vilsmeier und lassen Sie mich Ihnen versichern, dass es nicht so einfach ist, wie es sich Ihnen vielleicht im Moment darstellt. Offensichtlich hatten sie einen tiefen Einblick und einen wahren emotionalen Ansturm, dem sie ausgesetzt waren und jetzt nachklingt. Vielleicht sind die Krieger tatsächlich das Produkt einer kollektiven Wut, aber sie entstanden nicht erst seit den Übergriffen.

Die Krieger existierten vielleicht nicht physisch von Anfang an, aber sie entstanden zeitgleich mit der anderen Spezies. Sie waren von Anfang an die Kämpfer des Volks und zugleich ihre Bewacher. Sie kümmerten sich auch um die Essensbeschaffung und ihr Nahrungsplan sieht keineswegs nur vegetarische Ernährung vor. Zuvor habe ich gesagt, dass ihr Speiseplan durchaus auch aus vegetarischer Nahrung besteht, aber eben nicht zur Gänze. In ihren Unterschlupfen haben wir menschliche Überreste gefunden, die klar darauf schließen lassen, dass sie kannibalistische Züge aufweisen. Sie ernähren sich definitiv auch von Menschenfleisch.

Natürlich war unser Erstschlag der Auslöser für den Tag, an dem sich alles geändert hat. Aber so oder so stünde unsere Rasse vor ihrer Ausrottung. Auf einen von uns kamen fünf von ihnen. In manchen Gegenden stand das Verhältnis noch schlechter und es gab Vermisste. Zuerst nur Obdachlose, später auch andere Menschen. Doch wer konnte in diesen Tagen noch sagen, wer wirklich vermisst wurde, oder sich nur den „anderen“ angeschlossen hatte?

Glauben Sie mir, die Dunkelziffer war erschreckend. Durch den Gegenschlag kam das Ende etwas früher, aber wir konnten unserem Gegner noch empfindliche Verluste beibringen, die uns vielleicht irgendwann in den nötigen Vorteil versetzen werden. Unsere Verluste waren hoch, unerwartet hoch. Aber sie wären höher gewesen, hätten wir einfach nur abgewartet. Ja, was wir hier machen ist grausam, unmenschlich und in unseren veralteten Moralvorstellungen ein Verbrechen. Aber wir befinden uns in einem Krieg, den wir nur gewinnen können, wenn wir uns von diesen Moralvorstellungen lösen und diesen Wesen alles entgegen setzen, was wir noch haben.

Denken Sie nicht, dass das, was wir hier machen, jemand Spaß machen würde. Es ist nur die Konsequenz daraus, was unserer Rasse angetan wurde. In ihrem Traum erwähnen Sie die Alten, die uns für die Angriffe selbst verantwortlich machen, die Ihnen gegenüber erwähnen, dass jede Verwandlung freiwillig geschah. Was wir hier sehen ist, dass die Verwandlung bei jenen eintritt, die keinen Kontakt mehr zur Musik haben. Die ihren Geist geöffnet haben und sich bereitwillig dem hingeben, was sie anschließend von innen heraus verändert. Glauben Sie nicht das, was Ihnen erzählt wird, oder Ihr ganzes Wissen besteht aus dem, was Ihnen erzählt wird. Glauben Sie das, was Sie selber sehen. Ihre Augen belügen Sie nicht.“ 

Die Worte zeigten Wirkung und brachten mich erneut ins Grübeln. Natürlich waren die Eindrücke sehr überzeugend gewesen, spiegelten aber möglicherweise auch nur einen Teil der Realität wider. War das Friedensangebot nur ein Schritt in die Versklavung durch die neue Rasse? Wollten sie uns als Zucht- und Schlachtvieh halten, um sich an uns zu laben, wenn die anderen Vorräte aufgebraucht waren? 

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