Donnerstag, 4. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 68

Als das Licht wieder anging hing ein lebloses Stück Fleisch an Bennys ausgestrecktem Arm. Fast beiläufig warf er das, was von dem Wachkommandanten übrig war, zur Seite an die Wand, an der er eine rote Blutspur hinterlassend leblos zu Boden fiel.

Die zwei noch wartenden Wächter unternahmen daraufhin keinen Versuch mich aufzuhalten, als ich zu meinem Freund eilte. War er auch ein Monster gewesen und hatte verachtenswerte Ansichten, so war er jetzt auch mein Schutzengel. Da brauchte ich mich keinen Illusionen hingeben: ohne ihn wäre ich jetzt tot. Ohne ihn, und den unbekannten Helfer. Mit ausdruckslosem Gesicht stand er da zwischen der von ihm angerichteten Sauerei. Nur flüchtig nahm ich wahr, dass sich hinter mir die Gittertür wieder schloss, während ich mich die letzten Meter etwas vorsichtiger näherte. Noch zu deutlich war die Erinnerung an die Bilder von seinem Blutrausch und seinen Gedanken, die keinen Unterschied zwischen Freund und Feind machten.

„Kumpel? Alles in Ordnung. Ich bin’s. Konrad“, rief ich ihm zu und wartete geduckt auf eine Antwort.

Wie aus einer tiefen Trance erwachend flatterten seine Augen und überrascht sah er mich und die um ihn herum drapierten Leichen an. Nun schien er sich auch der Schmerzen bewusst zu werden, die von den Schusswunden her rührten und verzog schmerzerfüllt das Gesicht.

„Scheiße, es ist schon wieder passiert. Scheiße, scheiße, scheiße. Ich habe die Kontrolle über mich verloren.“

Ein leises Wimmern vom Boden erregte kurz meine Aufmerksamkeit und eher beiläufig trat ich auf eine Hand, die blind nach einer Waffe griff. Kaum zu glauben, dass einer noch immer so halb bei Bewusstsein war.

„Ist schon in Ordnung, die hier haben’s verdient. Komm jetzt“, sagte ich und trat auf den Kerl ohne Kinn ein, dessen Hand sich schon wieder in Richtung eines Gewehrs vorgetastet hatte. Der Schlag war nicht besonders hart, wurde aber durch einen schmerzvollen Laut quittiert. Vorsichtig drehte er mir seinen Kopf zu und das Kinn baumelte nutzlos wie ein Sack daran herum. Seine Augen waren mit Tränen gefüllt und aus seinem Mundwinkel lief Blut, die Angst sprühte mir förmlich entgegen und plötzlich tat er mir leid. Obwohl er mich gerade noch meiner aus seiner Sicht gerechten Strafe zuführen wollte, empfand ich Mitleid mit ihm. Vielleicht verschwendete ich mein Mitleid an mehrfachen Mörder und Vergewaltiger, aber in diesem Moment war er einfach nur ein verletzter Mensch. Noch während ich überlegte, ob oder wie ich ihm helfen konnte, kam mir Ben zuvor. Vielleicht dachte er ähnlich und vielleicht wollte er nur helfen, aber er bediente sich definitiv anderer Mittel, als ich in Betracht gezogen hätte. Fast schon sanft beugte er sich zu seinem ehemaligen Kameraden hinunter, hob vorsichtig seinen Kopf an und nahm ihn zärtlich zwischen seine Pranken. Ein leises „Pst“ kam aus seinem Mund und dann riss er den Kopf herum. Ein kurzes Knacken und alle Schmerzen, alle Sorgen und alle Nöte waren für ihn ausgestanden. Es war einfach vorbei.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen