Freitag, 5. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 69

Noch war es nicht vorbei. In dem Wachkabuff saß noch ein lästiger Zeuge. Wahrscheinlich war er unbewaffnet, aber hier lagen genügend Waffen, derer er sich bedienen konnte. Aber nicht nur er. Also schnappte ich mir eines der herumliegenden Gewehre, entsicherte es (nicht einmal dazu war er gekommen) und marschierte auf den Verschlag zu. Die Tür war geschlossen, aber unverschlossen, wie ich mit Druck auf den Türgriff fest stellte. Leise schwang die Tür nach innen und gab das Bild auf den ängstlich am Boden kauernden Wachmann frei.

„Bitte. Bitte tu mir nichts. Hey, ich, ehrlich, ich mach nichts. Ich warte hier und warte bis jemand kommt. Aber scheiße, bitte, ich hab doch nichts gemacht“, wimmerte er mit zitternden Lippen.

Im ersten Moment war ich davon überzeugt, dass er für uns keine Gefahr darstellte. Dazu war das Bild, das er abgab viel zu jämmerlich. Doch von einer Sekunde auf die andere änderte sich meine Sichtweise. Etwas passierte mit mir, ein fremdes Gefühl bemächtigte sich meiner und plötzlich sah ich ihn mit anderen Augen. Sein Leben erschien mir plötzlich wertlos, sein Flehen als Zeichen seiner Schwäche.

Die Arme streckte er mir halb schützend, halb flehend entgegen, die Blutadern auf seinem Kopf traten deutlich hervor und arm an Schweiß war er in diesem Moment auch nicht gerade. Der sich am Boden ausbreitenden Lache nach zu urteilen, hatte er sich auch gerade in die Hosen gemacht. Läge er nicht weiter hinten wie ein weich geklopftes Schnitzel, wäre der Wachkommandant wahrscheinlich verdammt stolz auf ihn gewesen.

Du musst ihn töten.

Vielleicht reichte es ja, ihm in seine Kniescheiben zu schießen? Ein Schuss in die Arme hätte ihn ebenfalls kampf- und handlungsunfähig gemacht.

Und dann? Du musst ihn töten.

Dann wäre er sicher unter höllischen Schmerzen verblutet. Oder später verreckt, weil Roggel keine Versager mag.

Erweise ihm die Gnade. Du musst ihn töten.

Wie ich es drehte und wendete, gab es nur eine Alternative.

„Keine Angst. Ich tu dir nicht weh“, flüsterte ich leise und schoss ihm eine Kugel in seinen hässlichen Schädel.

Wir sind stolz auf dich. Du hörst zu.

Etwas ließ mich los und ich fiel. Nur für einen kurzen Moment, aber als ich aufgekommen war, stand ich da und vor mir lag die Leiche des Wächters. Mein Finger war noch um den Abzug gekrümmt und Teile seines Kopfs hingen an der Wand hinter ihm. Was hatte ich getan? War es den Fremden tatsächlich gelungen, Kontrolle über mich zu erlangen? So oder so stieg mir Säure die Speiseröhre empor und in einem herzhaften Strahl übergab ich mich auf den Boden.

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