Mittwoch, 10. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 74

„Woher hast du schießen gelernt?“, presste ich angestrengt heraus.

„Normale Polizeiausbildung und sechs Jahre Dienst sind nicht ganz spurlos an mir vorüber gegangen“, erwiderte sie selbstbewusst, nahm das Magazin aus der Waffe, prüfte die Munition und steckte es zurück in das Gewehr, bevor sie fortfuhr.

„Wollen wir hier Wurzeln schlagen? Wir müssen uns aufteilen. Das Tor muss geöffnet werden und wir brauchen ein  Fahrzeug.“

„Das Tor übernehme ich“, schlug Ben vor. „Ich kenn die Wachen und kann sie überrumpeln.“

„Schaffst du das mit deinen Schusswunden?“, entgegnete ich ihm besorgt. Der Stoff von Anabelas Bluse war bereits voller Blut und ein dunkler Fleck breitete sich weiter auf seiner Uniform aus.

„Mach dir darüber keine Sorgen, mir fällt schon eine Geschichte ein und die Schmerzen halt ich schon aus“, versicherte er und marschierte entschlossen zur Tür. „Wir sehen uns beim Tor. Ich warte dort auf euch. Ach, und Konrad. Es fühlt sich gut an, einen Freund zu haben.“

Mit den Worten verschwand er hinter der schweren Stahltür hinaus Richtung Tor.

„Wir müssen hier lang“, rief mir Anabela zu und bewegte sich auf die daneben liegende Tür zu. „Die hier führt in die Garagen.“

Wortlos folgte ich ihr, während sich die Tür hinter Ben schloss.

Dank Anabelas Vorarbeit fanden wir tatsächlich alle Schleusen unverschlossen vor und konnten unbehelligt alle Türen problemlos passieren. Vor einer Tür mit der Aufschrift „Fuhrpark“ stoppten wir.

„Als ich vorhin über die Kameras den Raum gecheckt hab, waren drei Mann mit der Instandsetzung der Fahrzeuge beschäftigt. Normalerweise sind die Jungs unbewaffnet, aber ich möchte kein Risiko eingehen. Ich gehe voraus, du folgst mir und deckst mich von hinten. Wenn du dir unsicher bist, dann schieß, du triffst hier keine Verkehrten und lieber einer von denen als wir. Wenn mich Roggel wieder in die Finger bekommt, wird er mir ganz üble Sachen antun und darauf hab ich ehrlich gesagt überhaupt keinen Bock. Bereit?“

Stumm beobachtete ich ihre wohl geformten Lippen und wie sich beim sprechen kleine Fältchen um ihre Mundwinkel bildeten. Die Schwellung am Auge war fast zurück gegangen und die braunen Augen saßen wie kleine unergründliche Perlen dort in den Augenhöhlen und starrten mich an. Eine Haarsträhne hing in ihrem Gesicht und tanzte munter hin und her, während sie auf mich einredete. Obwohl ich die Worte verstand, blieb mir ihr Sinn verschlossen. Viel zu sehr war ich von ihrer Erscheinung eingenommen und konnte mich nicht von ihren Lippen lösen, die ich so gerne geküsst hätte.

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