Sonntag, 14. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 78

In Wahrheit war es die Hölle und nur mühsam konnte ich die Dunkelheit zähmen, die sich meiner wieder bemächtigen wollte. Natürlich verbat mir mein männlicher Stolz mich darüber auszutauschen und so machte ich stattdessen weiter gute Miene zum bösen Spiel. Die Wunde war notdürftig verbunden und der Verband stillte soweit ich das beurteilen konnte zumindest die gröbste Blutung. Unter meinen Schuhen knirschten Scherben. Überall um mich herum lagen sie verstreut und erinnerten mich daran, was vorgefallen war. Durch die geborstene Scheibe hindurch sah ich ihn. In einer großen Blutlache lag dort der Junge, durchsiebt von einer ganzen Salve, die ihn im Bauch und Brustbereich förmlich perforiert hatte. Erneut hatte die Frau ein Leben genommen, um meines zu retten. Wie viele Menschenleben war mein Leben wohl wert?

Den heilen Arm legte ich vorsichtig um ihre Schulter und versuchte so wenig Gewicht wie möglich auf ihre zarten Schultern abzulegen. Zum einen natürlich, weil es mir peinlich war, zum anderen weil ich ihr es nicht zumuten wollte. Doch da hatte ich sie falsch eingeschätzt. Mein Verhalten wurde von ihr damit quittiert, dass sie mich stärker nach unten zog und so weit mehr Gewicht schulterte, als ich zugetraut hatte. Mein Respekt vor ihr wuchs im gleichen Maße, in dem wir uns dem Fahrzeug näherten. Kein Laut der Erschöpfung kam über ihre Lippen, während sie mir dabei half, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Fast schon zärtlich beugte sie sich über mich, um mir vorsichtig den Gurt anzulegen.

Danach verließ sie mich wieder und machte sich an dem Tor zu schaffen, bis sie es schließlich geschafft hatte, die schweren Türen so weit auseinander zu ziehen um uns den Weg frei zu machen. Die offenen Türen gaben den Blick frei auf den mit Schnee bedeckten Gefängnishof und die zum Tor führende Straße. Das Gittertor der inneren Schleuse stand bereits einladend offen und empfing uns quasi mit offenen Armen.

Auf dem Weg lag wie überall eine ungefähr 20 Zentimeter dicke Schneeschicht, über die sich vereinzelte Fußspuren zogen. Die auf die Schneedecke fallenden Sonnenstrahlen blendeten mich und hüllten meinen Engel in ein fast überirdisches Licht, aus dem sie wie die Phönix aus der Asche emporstieg und sich eilig dem Fahrzeug näherte.

„Ich hoffe, dein Kumpel enttäuscht uns nicht. Andernfalls sitzen wir jetzt gleich auf dem Präsentierteller“, keuchte sie mir beim einsteigen etwas erschöpft entgegen.

Darüber wollte ich mir zum jetzigen Zeitpunkt keine Gedanken machen und vertraute weiter auf Bens zwar angeschlagene, aber mit Sicherheit noch immer überlegene Überzeugungskraft. Wie auf Kommando zerbarst in dem Moment eine Scheibe in einem der Wachtürme und der Körper einer Wache segelte durch die Luft und schlug schreiend und wild um sich schlagend auf dem Boden auf. Dort blieb er ruhig liegen, während sich um ihn herum der Schnee blutrot färbte.


Zwei Schüsse ertönten, gefolgt von Schreien und dem weiteren hilflosen Versuch, der Schwerkraft mit schlagenden Armen trotzen zu wollen. Wie sein Vorgänger schlug der Körper dumpf und eine dünne Schneeschicht hochstoßend auf dem gefrorenen Boden auf und grub sich in eine niedrige Schneewehe. 

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