Dienstag, 16. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 80

Erst ein Treffer durch die Kniekehle brachte ihn zu Fall. Wie ein morscher Ast knickte sein Fuß unter seinem Gewicht zusammen, während sich auf seinem Gesicht Erschöpfung, Angst und Schmerzen spiegelten. Noch im Fall bohrte sich eine weitere Kugel in seinen Rücken und trat vorne in einem dem Fallwinkel entsprechenden schrägen Winkel wieder aus.

Mit dem Gesicht voran fiel er in den Schnee, unfähig den Sturz mit seinen Händen noch irgendwie aufzuhalten, oder zu mindern. Während ich noch überlegte, wie wir ihm helfen könnten, tat Ana das einzig richtige und fuhr los. Ohne einen weiteren Blick zurück lenkte sie den Wagen aus dem Tor und somit vorerst aus der Gefahrenzone. Das letzte was ich von ihm sah war sein Gesicht. Unter Aufbringung aller Kräfte hatte er es geschafft, den Kopf noch einmal leicht anzuheben. Schnee hing in seinen Augenbrauen und Blut lief aus einem Mundwinkel. Trotzdem war jeder Ausdruck des Entsetzens aus seinem Gesicht gewichen. Eher wirkte sein Gesichtsausdruck so, als wäre er am Ende einer langen Reise angekommen. Er konnte endlich Frieden schließen mit sich und seiner Vergangenheit.

Das wollte ich nicht wahrhaben. Noch nicht. Noch überwog der Schmerz über seinen Verlust. Für kurze Zeit war ich sprachlos, konnte nicht verstehen, wie diese Frau so kaltblütig unseren Helfer im Stich lassen konnte. Ich hatte Ben mein Leben zu verdanken und er verlor seines, während er meines rettete. Schon wieder wurde ein Leben gegen ein anderes getauscht und erneut beschäftigte mich die Frage, wie viele Leben mein eigenes wert war. Hatte ich das Recht, mein eigenes Wohl über das von diesem Menschen zu stellen, der gerade erst erfahren hatte, dass er ein Gewissen besaß? Langsam verstand ich dann aber seinen letzten Gesichtsausdruck Ich begriff, dass er seinen Frieden gemacht hatte, und dass er bereit war, für seine Sünden zu büßen. Sein Opfer war sein Geschenk an uns und seine Sühne für die Leben, die er genommen hatte.

Erneuter Beschuss riss mich aus meinen Gedanken an einen Mann, der vor mir nie das Gefühl wahrer Freundschaft kennenlernen durfte. Aufgrund der Schneedecke kamen wir viel zu langsam vorwärts. Die draußen aufgehäuften Leichenberge verlangten von uns, auf den von Leichen gesäumtem Weg zu bleiben, was uns in gerader Linie vom Tor und mitten im Schussradius weiter fort führte.

Die vorne und hinten leicht gepanzerten Wände verhinderten, dass die Geschosse in die Fahrerkabine einschlugen, würden aber einen Treffer der Reifen nicht verhindern können. Mit leichten Lenkbewegungen versuchte meine Fahrerin den Schüssen auszuweichen, unterließ den Versuch aber wieder, nachdem sie dabei beinahe die Kontrolle über den Wagen verloren hatte. Gefährlich weit rutschten wir über die eisglatte Fahrbahn und nur unverschämtem Glück war es zu verdanken, dass wir mit nicht seitwärts auf einen aufgestapelten Haufen aufgelaufen waren.

Fluchend steuerte sie sanft gegen und lenkte das Fahrzeug vorsichtig zurück in die Mitte der Straße. Nur noch wenige Meter, dann hatten wir die Bundesstraße erreicht. Ab hier gab ich die Richtung vor. Nur meine gelegentlichen Richtungsangaben durchbrachen die Mauer des Schweigens, die zwischen uns im Moment der Flucht errichtet worden war. So begehrlich sie mir zuvor erschien, so fremd war sie mir in diesem Moment geworden. Auch wenn mir meine Vernunft zuflüsterte, dass sie richtig gehandelt hatte und mein Herz mich zu überzeugen suchte, dass Ben seinen Frieden gefunden hat, wollte mein Bauch nicht wahr haben, dass wir ihn dort im Schnee liegend hilflos im Stich gelassen hatten. 

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