Mittwoch, 17. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 81

Erst eine hinter uns aufziehende Schneewolke vermochte mich aus meiner kommunikativen Starre zu reißen und mich der prekären Situation gewahr werden zu lassen, in der wir uns zwangsläufig befanden. Der Zustand der Straße machte eine schnelle, oder gar unbemerkte Flucht unmöglich und selbst wenn, waren unsere Spuren noch solange zu sehen, bis sie ein plötzliche Schneeschmelze unsichtbar werden ließ. So blieben also nur die Flucht und der Rückzug zum Bunker.

Der hinter uns aufsteigenden Schneewolke nach zu urteilen, wollte Roggel das aber offensichtlich nicht zulassen. Schon hatte er seine Schergen entsandt, uns in seine Obhut zurück zu überführen. Ob lebend oder tot spielte dabei wohl keine Rolle. Selbst wenn es ihnen gelang, uns lebend zu fassen, war die Wahrscheinlichkeit den Abend zu erleben verschwindend gering. Alles, worauf wir hoffen konnten, war ein schneller Tod. Vielleicht wollte er uns aber auch einfach nur daran hindern, die Bunkerbesatzung zu warnen, um dort überraschend und mit möglichst wenigen Verlusten auf die dort liegenden und lebenden Ressourcen zugreifen zu können.

Das hieße, dass wir immerhin einen schnellen Tod starben. Angesichts dessen, was ich in dem ehemaligen Gefängnis über den Umgang mit Gefangenen lernen musste war dies aber ein Vorhaben, das mit aller Entschlossenheit zu verhindern war. In meiner Phantasie entstanden Bilder von unserer Zuflucht, wie Schwarzhemden durch die Gänge schwärmten, die Männer exekutierten, Frauen schlugen und Kinder rücksichtslos zur Seite traten, um sie von ihren Eltern zu trennen. Immer weiter drangen sie in meinen Gedanken in den Komplex vor um sich das zu holen, was sie für ihr eigenes Überleben benötigten. Für ihr Überleben und zur Befriedigung ihrer niederen Gelüste. Dass Sackschneider daran nicht mehr beteiligt war, erfüllte mich mit einer tiefen und irrationalen Befriedigung.

Allen Hoffnungen zum Trotz verringerte sich der Abstand zwischen uns und der Schneewolke. Ob es an Anas vorsichtigem Fahrstil, oder einer eventuell besseren Winterausrüstung unserer Verfolger lag, vermochte ich nicht zu sagen. Unumstößliche Tatsache war, dass sie näher und näher kamen und wir nichts dagegen unternehmen konnten. Ein Umstand, der natürlich auch meiner Fahrerin nicht verborgen blieb.

„Denkst du, du kannst das Fahrzeug lenken?“

Die Frage durchbrach die Mauer des Schweigens und traf mich unvorbereitet.

„Was? Wieso? Du fährst doch schon“, erwiderte ich zugegeben perplex und überrascht auf ihre Frage.

„Aber nicht mehr lange. Sie holen viel zu schnell auf und wenn wir so weiterfahren werden sie uns in weniger als einer halben Stunde eingeholt haben. Ich kann nicht schneller fahren, wenn wir euren Bunker heil erreichen wollen. Das weißt du. Es gibt nur eine Möglichkeit. Ich steige aus und halte sie auf. Du fliehst, und warnst deine Kameraden vor Roggel, berichtest ihnen von den Gräueltaten, die sie im Namen der menschlichen Rasse verüben und dann nehmt ihr diesen verdammten Ort auseinander“, entgegnete sie mir entschlossen.

Verwirrt blickte ich in ihr Gesicht und fand die Entschlossenheit ihrer Stimme in ihren Gesichtszügen wieder. Aus meinem Engel war ein gnadenloser Racheengel geworden, der bereit war, sich für seine Rache aufzuopfern. Aber ich wollte das nicht. Nicht noch mehr Menschen sollten heute für mich ihr Leben geben müssen. Wie viele Leben ist ein Menschenleben wert? Wie viele Menschen darf man opfern, um ein anderes zu retten? Wie viele Seelen wollte ich noch auf mein Konto laden? Im Grunde war ich doch nicht besser als Anabela oder unsere Verfolger. Im Herzen waren wir alle Menschen und kein Leben ist höher als das eines anderen zu bewerten. 

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