Donnerstag, 18. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 82

„Nein. Wir fliehen gemeinsam und wenn es sein muss, sterben wir gemeinsam. Du hättest doch keine Chance und würdest sie mit den zwei vielleicht noch halb vollen Magazinen doch ohnehin nicht lange genug aufhalten können. Vor allem will ich heute nicht noch einen Menschen verlieren.“

„Nein, du verstehst nicht“, begann sie auf meinen Einwurf einzugehen. „Ich habe nichts mehr zu verlieren. Dieses Schwein hat mir alles genommen, was ich hatte. Meinen Mann, mein Kind und meinen Stolz. Er hat mich zu seinem Objekt gemacht, und mich mit Schlägen und Drohungen gebrochen. Er hat mir alles genommen, wofür ich gelebt habe. Alles andere hat mir diese Seuche genommen, oder wie auch immer die Eierköpfe diesen Ausbruch nennen wollen. Für mich ist es eine Seuche, die unsere Gesellschaft zersetzt und all jene befallen hat, die nicht für das standen, was von Männern wie Roggel repräsentiert wird. Nicht die Unschuldigen haben dieses Armageddon überlebt, sondern Verbrecher, Verbrecher und Menschenhasser.

Scheinbar gibt es aber noch Menschen mit Anstand, die das bewahren, was sich Ordnung und Anstand schimpft. Eine Eigenschaft, die nicht untergehen darf und bewahrt werden muss. Deswegen müssen wir alles tun, um Männer wie Roggel aufzuhalten, bevor er seine Vision einer neuen Ordnung in einer von diesen Monstern besetzten Welt umsetzen kann. Die Welt um uns herum stirbt und wenn Männer wie er das Sagen haben, ist sie schon tot.“

Je länger sie sprach, desto kühler wurde ihre Stimme. Emotionen waren aus ihr gewichen und hatten einer Grabeskälte Platz gemacht, die mich ängstigte. Vor allem überraschte mich die Erwähnung von Mann und Kind. Möglicherweise konnte ich da ansetzen, sie davon überzeugen, dass es vielleicht doch noch etwas gab, wofür es sich zu leben lohnte. Und wenn es nur deswegen war, eine Erinnerung an zwei Menschen aufrecht zu erhalten.

„Was wurde aus deinem Mann und deinem Kind?“

„Darüber kann und will ich nicht sprechen“, erwiderte sie kalt. „Es war ein Verbrechen. Ein Verbrechen wider jedwede Menschlichkeit, ausgeführt von einem gewissenlosen Verbrecher und seinen gewissenlosen Schergen. Das tut jetzt auch nichts zur Sache. Wichtig ist jetzt, dass wir eine Entscheidung treffen. Du musst dich für das Leben entscheiden und ich, dir dieses Leben zu ermöglichen.“

Einmal mehr obsiegte bei mir mein Bauch über die Vernunft. Ja, vielleicht hätte mir ihr Opfer den nötigen Vorsprung ermöglicht, vielleicht waren wenige Minuten genügend Zeit, um den Abstand so weit zu erhöhen, dass sie ihre Verfolgung abbrachen. Vielleicht war es aber nur ein weiteres sinnloses Opfer.

„Wenn du aussteigst, werde ich auch nicht weiterfahren. So oder so werden wir beide beim Versuch draufgehen, aber die Chancen stehen besser, wenn du einfach hier bleibst und weiter fährst.“


Anstatt Dankbarkeit schlug mir Verbitterung entgegen. Lobeshymnen hatte ich nicht erwartet, aber wenigstens ein Einlenken. Stattdessen beschimpfte sie mich. 

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