Freitag, 19. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 83

„Bist du eigentlich blöd?“, schrie sie mich an. „Ich biete dir das Leben und du wählst freiwillig den Tod? Was kümmert dich mein Schicksal und mein Leben? Ich bin doch schon lange tot. Ich habe nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt. Hätte ich den Mut dazu aufgebracht, hätte ich meinem Leben schon lange ein Ende bereitet. Spätestens nach dem, was meiner Tochter zugestoßen ist, ist alles besser als weiter dieses Leben zu leben und täglich den Schmerz zu spüren, der wie eine Klinge in meinem Herzen sitzt.“

Da verstand ich, dass sie sterben wollte. Nicht meine Rettung war ihr Ziel, sondern ihr eigener Tod. Ich weiß nicht, ob es Egoismus, oder die späte Schwärmerei eines Mitt-Dreißigers war, aber das konnte und wollte ich nicht akzeptieren. Ihr Zorn und ihre aufflammende Trauer öffneten ihre Aura und erlaubten mir für einen Moment ihre Stimmung zu erfassen.

Es war nicht wie bei Ben, der sich mir als offenes Buch präsentierte. Viel eher war es wie der erste Kontakt mit Sackschneider, der es mir erlaubte, Tendenzen zu erkennen. Einfühlsame Worte waren demnach im Moment nicht der richtige Weg, einen Stimmungswandel zu erzeugen. Wenn, dann musste ich ihre Rage weiter anfeuern, um so ihren Zorn nicht gegen sich, sondern gegen ihren Peiniger zu richten.

„Dann lerne damit zu leben, wie so viele andere vor dir“, brüllte ich zurück. „Lebe dein Leben nicht trotz der Verluste, sondern wegen ihnen. Sie würden es nicht wollen, dass du jetzt alles hinwirfst. Dann wäre ihr Schicksal umsonst gewesen. Stattdessen solltest du daraus die Kraft und den unbedingten Willen ziehen, dich an ihren Peinigern zu rächen und das geht am besten, indem du lebst. Dein toter Kadaver wäre für Roggel doch nur eine Befriedigung, doch dein Überleben sitzt wie ein Dorn in seinem Fleisch und wird ihn mehr erzürnen, als hundert Kadaver seiner Vasallen.“

Mein Hals schmerzte, und doch brüllte ich weiter auf sie ein.

„Aber stirb du ruhig. Geh den einfachen Weg und wirf alles hin, wofür du gelebt hast. Opfere dich und mich gleich mit. Mach doch. Spring raus und nimm den Kampf gegen die Übermacht auf, wenn du nichts mehr zu verlieren hast. Warum überhaupt so umständlich? Jag dir doch gleich hier und jetzt eine Kugel durch den Kopf, oder soll ich das für dich machen? Steig doch gleich noch aufs Gaspedal, dann hab ich es auch hinter mir. Ich will nicht dein Alibi sein, deine Rechtfertigung für einen Selbstmord. Du wirst mich ebenfalls auf dem Gewissen haben. Dein Tod ist kein Ausweg und er wird auch kein Ausweg für mich sein. Lebe. Lebe für deine Familie und für mich.“

Tränen schossen ihr in die Augen und ich spürte ihren Widerstand schwinden. Trauer übermannte den gefallenen Engel und öffnete ihren Geist immer weiter. Statt Gefühle empfing ich Bilder, ein Mann, ein kleines Mädchen. Es waren Bilder einer glücklichen Zeit. Die Sonne schien heiß vom Himmel, grün breitete sich eine saftig grüne Wiese vor ihnen aus und darauf lag eine Decke. Die Decke war bedeckt mit Käse, Brot, Wein und Limonade. Bienen surrten von Blume zu Blume und ein Ball flog in Richtung des Mädchens. Ihre langen braunen Haare flogen ungezügelt herum, während sie in Richtung des Balls lief.

Eine männliche Stimme rief nach Carmen und der Ball flog zurück auf den Ursprung der Stimme. Dort stand ein großer und stämmiger Kerl mit sanften Zügen, der den Ball mit gespielter Tollpatschigkeit nur knapp erhaschen konnte und ihn übertrieben hochstupste, um ihn am Ende doch auf den Boden fallen zu lassen. Zusammen lachten und tobten sie auf der Wiese, bis sich der Himmel verdunkelte. Immer dunkler wurde es um sie herum, bis das Bild endgültig nur noch schwarz war.

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