Samstag, 20. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 84

In der Dunkelheit verschwand das Lachen und machte Schreien Platz, die von Anabela stammten. Ein Schmerz zuckte durch meinen Unterleib und ein abartiges Gefühl erfasste mich. Trotz der Schmerzen war dieses Gefühl der Scham und Erniedrigung der eigentliche Grund der Schmerzen. Etwas zerbrach in mir und die Dunkelheit konnte es nicht verbergen. Das Grunzen, die abartigen Laute eines Mannes, der sich an einem mir fremd gewordenem Körper verging und jegliche Menschlichkeit dabei vermissen ließ. Immer weiter zog ich mich in die Dunkelheit zurück, bis ich dem Körper zur Gänze entrückt war.

Die Dunkelheit legte sich und Licht fiel auf einen leblosen Körper, in dem ich den Mann wieder erkannte, der eben noch mit dem Kind auf der Wiese herumtollte. Noch bevor ich die Blutlache sah, wusste ich, dass er tot war und trauerte um ihn. Die Trauer holte mich zurück in diese Welt und zog mich in den Körper, den ich zuvor mühsam verlassen hatte. So sehr ich mich auch in die Dunkelheit zurück wünschte, war ich doch dem Anblick hilflos ausgesetzt. Weitere Details brannten sich in meine Augen. Die Schusswunde an seiner Schläfe, die hässlichere Austrittswunde an der anderen Seite des Schädels und der in seinem Gesicht fest gemeißelte Gesichtsausdruck, der mir noch im Augenblick seines Todes Mut und Zuversicht schenken wollte. Furchtlos und ohne um sein Leben zu flehen hatte er dem Tod ins Auge gesehen.

Ein Schrei drang aus meinem Mund, ein schier endlos wirkender Schrei der Verzweiflung. Auch als die Lungen schmerzten, schrie ich weiter und verstummte irgendwann. Statt in dem Raum zu stehen, saß ich wieder auf dem Beifahrersitz, neben der Frau, die in meinen Gedanken eben noch um den Tod ihres Mannes trauerte. Ihre Trauer war zu meiner Trauer geworden und ihr Schmerz zu meinem Schmerz. Jetzt konnte ich verstehen, was sie durchmachen musste, verstand ihre Gefühle.

Der Wunsch ihrem Leben ein Ende zu setzen, war kaum zu ertragen, erschien mir aber plötzlich plausibel und nachvollziehbar. Ich erkannte aber noch etwas anderes in ihrem Inneren. Noch hatte sie nicht aufgegeben. Etwas hielt sie am Leben, sorgte dafür, dass sie nicht fiel. Ein Licht, das nicht erloschen war und auch dann weiter leuchtete, als sie sich in die Dunkelheit geflüchtet hatte. War es zuvor noch ein Funken in absoluter Dunkelheit, leuchtete es mittlerweile klar erkennbar, flackerte und wuchs von innen heraus, während ihr Lebenswille proportional dazu anwuchs und ihre Trauer weiter und weiter erstickte. Mit zunehmendem Lebenswillen erlosch auch meine Verbindung und die Gefühle wurden zu Ahnungen und die Ahnungen zu Erinnerungen.


Auch wenn Ana ihren Lebenswillen wieder gefunden hatte, war es noch nicht überstanden, noch nahm der Abstand der Verfolger ab und auch die gefundene Entschlossenheit würde uns nicht helfen, sie hinter uns zu lassen. Verbissen kämpfte Anabela mit den Straßenbedingungen, erhöhte vorsichtig die Geschwindigkeit und oft waren es nur Zufälle, dass wir nicht ziellos über die vom Schnee verwehten Straßen rutschten. Mehr als einmal war die Position der asphaltierten Straße nur mehr zu erahnen und viel zu häufig mussten wir uns an den tief im Schnee steckenden Leitpfosten orientieren. 

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