Sonntag, 21. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 85

Die weiße Pracht legte der Landschaft den Stempel des Gleichförmigen auf, was mir die Orientierung zusätzlich erschwerte. Es kamen Momente, in denen ich mir sicher war, dass wir den falschen Weg gewählt hatten. Nur um dann im nächsten Moment wieder ein Landschaftsdetail zu enthüllen, dass auch unter der weißen Schneedecke noch so markant war, dass ich mir ob unseres Weges wieder sicher sein konnte. Schreck und Erleichterungen wechselten sich ab und die Verfolger sorgten für eine konstante Angespanntheit.

Nach jeder Kurve war da die Hoffnung, dass sie die Verfolgung abgebrochen hatten und mit jedem Auftauchen der Schneewolke im Rückspiegel schwand diese so schnell wie ein Schneemann in der Mikrowelle. Unsere Situation erschien immer aussichtsloser, was die gerade erst wieder neu gewonnene Entschlossenheit immer stärker zersetzte. Hoffnungslosigkeit trat an die Stelle der Hoffnung und Angst umklammerte unsere Herzen.

Es war mir unmöglich abzuschätzen, wie nah wir unserem Ziel bereits waren. Zu sehr war ich damit beschäftigt, der bedeckten Landschaft Details zu entreißen. Jedes neue Detail ordnete ich sodann in meiner Erinnerung jenem Tag zu, an dem wir gehofft hatten, in der Vollzugsanstalt neue Verbündete zu gewinnen und unsere Situation zu verbessern. Jedes Teilstück war ein Andenken an jene Männer, die mich begleitet hatten, und ihr Leben lassen mussten. Allein Martins Schicksal war mir ein Rätsel. Obwohl mir der Verräter komplett egal sein konnte, musste ich plötzlich an ihn und seinen feigen Verrat denken. Wie er zuvor große Reden geschwungen hatte und wie schnell er vor Angst zusammen geklappt war. Ohne dass ihm ein Haar gekrümmt wurde, hatte er jene verraten, die uns Zuflucht und Nähe geschenkt hatten. Alles nur, um seine nutzlose Haut zu retten und seinen Kopf aus der imaginären Schlinge zu ziehen. Seine Schildbürger oder Schildwasauchimmer hätten es nicht besser hinbekommen. 

In dem Zusammenhang erinnerte ich mich an Bens Worte, dass es ihm gut ginge. Vielleicht hatte er ja sein Ziel erreicht und Verbündete auf seinem Kreuzzug gegen die Schildhäuser gefunden. Verbündete, die seine wirren Phantasien ernst nahmen, und ihn in ihrer Mitte willkommen hießen. Sicher kreuzten sich dann seine kruden Phantasien mit der noch kruderen Gedankenwelt seiner neuen Kameraden und zeugte dabei einen ideologischen Bastard, der sich aufmachte, den letzten Rest unserer einstigen Gesellschaft zu tilgen.

„Scheiße scheiße, scheiße.“

Anabelas Stimme riss mich aus meinen Gedanken.


„Sie holen immer weiter auf. Wir werden beide draufgehen und alles nur, weil du so ein verdammter Sturschädel bist. Hoffentlich bist du glücklich, wenn sie dir eine Kugel in deinen Schädel jagen. Oh, du wirst glücklich sein, weil dann die Qualen enden werden. Glaub mir, ich kenne Roggel und ein schneller Tod wird uns nicht vergönnt sein. Was er uns antun wird, wird schlimmer als der Tod sein. Ich weiß das, ich habe das schon einmal durchgemacht.“

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