Montag, 22. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 86

Zu einer Antwort kam ich nicht mehr, denn als wir eine Kuppe überquerten verschwand der Schnee plötzlich. Das heißt, er war schon noch da, aber er war nicht mehr zu sehen, weil er unter tausenden Grauer und Brauner Körper begraben lag. Wie eine Wand standen sie da, Schulter an Schulter und in ihren Augen reflektierte sich die Sonne. Ihre Krallen blitzten und die offen stehenden Münder präsentierten ihre Schneidzähne.

Regungslos standen sie da und beobachteten, wie unser Wagen weiter auf sie zuschoss. Von einer Sekunde auf die andere hatte sich unsere Lage von hoffnungslos auf so richtig beschissen verschlechtert. Hinter uns die Schlächter, vor uns die neue Nemesis der menschlichen Rasse. Pest oder Cholera, zu Tode gequält, oder aufgefressen werden. Was für eine Wahl. Was für ein scheiß Tag.

„Halt dich fest“, brüllte meine Begleiterin plötzlich und ließ den Motor aufheulen. Leicht brach das Heck aus, während der Wagen einen Ruck nach vorne machte. Statt sich ihrem Schicksal zu ergeben, zog sie es vor zu kämpfen. Einen hoffnungslosen Kampf gegen ein Meer an Leibern, der so vielversprechend war, wie gegen eine Flutwelle anzufahren, in der Hoffnung sie durchstoßen zu können.

Auf gerader Strecke gelang es uns immerhin die Spur zu halten und trotz der unverantwortlichen Geschwindigkeit nicht als Wrack im Wald zu landen. Immer näher kamen wir dem noch immer still dastehenden Meer aus behaarten Körpern, Reißzähnen und Krallen. Wir erkannten förmlich das Weiße in den Augen unserer Gegner, als das Wunder geschah. Wie vor Moses teilte sich vor uns das Meer aus Körpern und gab eine Trasse frei. Ohne zu zögern lenkte Anabela den Wagen in die Lücke. Natürlich bestand noch immer die Möglichkeit, in eine Falle zu geraten, aber eine kleine Chance ist besser als keine Chance.

Ohne Vorkommnisse passierten wir die erste Reihe und ließen sie zusammen mit anderen hinter uns. Zwischen den normalen Kreaturen stachen die Krieger hervor, um die sich die anderen wie Grüppchen scharten. Wie Befehlshaber im Kreise ihrer Soldaten standen sie da und ignorierten uns mit sturem Blick nach vorne. Während sich vor uns das Meer weiter öffnete, schloss es sich hinter uns wieder und bildete zwischen uns und unseren Verfolgern einen Verteidigungswall aus lebenden Körpern.

Im Rückspiegel war zu erkennen, dass diese jetzt auch über die Kuppe waren und nicht wirklich daran dachten, von ihrer Verfolgung abzulassen. Genau wie Anabela wählten auch sie die direkte Konfrontation. Während letztere die Geschwindigkeit langsam nach unten korrigierte, schmolz der Abstand zwischen uns und den Verfolgern rapide. Zum ersten Mal konnte ich in der Wolke aus aufgewirbelten Schnee konkrete Formen erkennen, darunter die zwei gepanzerten Truppentransporter, die dank ihres Gewichts und des Allradantriebs auch bei diesem Wetter wie auf Schienen geführt über die Straße pflügten.

So unterschiedlich die Monster auch aussahen, so einheitlich wirkten sie in der Gruppe. Durch die nicht enden wollende Ansammlung führte unser Weg weiter und immer bot sich uns das gleiche Bild aus grauen und braunen Leibern. Noch nie zuvor war ich ihnen so nahe, ohne von ihnen angefallen zu werden. Zumindest im Moment noch nicht.

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