Freitag, 26. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 90

„Ich garantiere dir so oder so freien Abzug und habe nur die Bedingung, unsere Idee deinem Volk vorzustellen und dein Volk entscheiden zu lassen. Das ist es doch, was ihr so schätzt. Die Möglichkeit eine Entscheidung auf viele zu verteilen, statt selbst mit dieser Entscheidung leben zu müssen. Geh hinaus und verbreite unser Angebot. Mehr verlangen wir nicht.“

Noch einmal ließ ich mir das Angebot durch den Kopf gehen und erkannte darin unsere Chance, dem Wahnsinn zu entgehen, also stimmte ich zu und fand mich in unserem Wagen wieder. Neben mir saß noch immer Anabela. Ihr Kopf ruhte auf dem Lenkrad und aus ihren Augen schossen Tränen, während sie hemmungslos vor sich hin schluchzte.

Sprachlos sah ich zu ihr hinüber und versuchte meinen Arm um sie zu legen, was allerdings durch einen brennenden Schmerz quittiert wurde. Beim nächsten Versuch drehte ich mich herum und streichelte mit meiner rechten Hand sanft über ihren Kopf. Durch die Berührung aufgeschreckt schnellte sie nach oben und sah mir tief in die Augen. Ihre Augen waren durch die Tränen verquollen und ihr Mund zu einer Grimasse der Trauer verzogen.

„Ich habe sie gesehen“, schluchzte sie undeutlich. „Meine Tochter, sie lebt. Sie hat mit mir gesprochen und mir erzählt, dass es ihr gut geht. Sie lebt. Mein Gott, ich dachte, ich würde sie nie wieder sehen, nach dem was ihr Roggel angetan hat. Sie bat mich, den Menschen eine Botschaft zu überbringen und dass ich bald wieder mit ihr zusammen sein könnte.“

Ihr Kopf fiel gegen meine unverletzte Schulter und der Rest ihrer Klagen ging ihrem Geheule unter und langsam bekam ich eine Idee davon, was die Schwarzhemden ihrer Tochter angetan haben mochten. Möglicherweise stand sie nur weniger Meter vor uns, in diesem sich jetzt langsam auflösenden Meer aus behaarten Körpern, die sich ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen von uns zurück zogen und nur zertrampelten Schnee zurück ließen.

Einzig und allein das auf dem Schnee liegende Blut und die leeren Wracks zeugten wenige Minuten später von dem, was hier stattgefunden hatte, während Anas Tränen meine zwei übereinander liegenden Uniformen durchnässte. Erst Minuten später, nachdem die Monster abgezogen waren, beruhigte sie sich und rappelte sich wieder auf.

„Es geht schon wieder. Tut mir leid, es war ... meine Tochter … Sie hat mit mir gesprochen. Sie will wieder mit mir zusammen sein, aber ich habe ihr gesagt, dass das nicht geht, dass wir jetzt in zwei verschiedenen Welten leben, ich aber so froh bin, dass es ihr gut geht. Danach verschwand sie und ich sah die Weißen, wie sie in deine Richtung starrten. Dann begriff ich, dass ich sie endgültig verloren habe.

Mein Gott, Konrad, was sind das für Dinger? Was weißt du, was ich nicht weiß?“


Ihrem durchdringenden Blick und den fordernden Worten nachgebend erzählte ich ihr alles, während sie die Fahrt zu unserem Ziel wieder aufnahm. Von Anfang an schilderte ich ihr die Erlebnisse in der Kirche, die Geschichte des Soldaten, mein erstes Erlebnis in Gefangenschaft und über meine neu gefundene Fähigkeit, die Emotionen und Erinnerungen anderer Menschen empfangen zu können. 

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