Montag, 29. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 93

„Als ich dich mit Ben gesehen hab, wusste ich, dass das meine Chance sein könnte und bereitete alles vor. Zusammen mit Sackschneider verfolgte ich euch über die Kameras und ärgerte mich darüber, wie unvorsichtig ihr vorgegangen seid. Mensch, hättet ihr euch das mit den Kameras nicht denken können?“

Mit der eigenen Dummheit konfrontiert zu werden war nicht angenehm, aber zum Glück schien die Frage eher rhetorischer Natur, weil sie ohne eine Antwort abzuwarten mit ihrer Erzählung fortfuhr.

„Als Sackschneider tot war, wusste ich, dass ich auf das richtige Pferd gesetzt hatte, bereitete alles vor und verschlüsselte am Ende meinen Rechner. Als besonderes Bonbon hab ich auf meiner Flucht die Türen zum Büro meines Herrn und Meisters verschlossen. Sicherheitstüren, die im Falle einer Revolte einer Explosion standhalten würden, wohlgemerkt. Ich seh ihn förmlich vor mir, wie er fluchend und wild gestikulierend in dem Zimmer auf und ab läuft und auf Rache an mir sinnt. Draufgehen wird er leider nicht, irgendwie und irgendwann werden sie ihn rausholen, aber ich hab sein Ego empfindlich getroffen. Das wird das, was vor uns liegt, nicht einfacher machen.“

Just als sie mit ihrer Ausführung fertig war, kamen wir zu dem zum Bunker führenden Weg an. Offensichtlich wurden noch immer regelmäßige Patrouillenfahrten unternommen, weil der Schnee hier von mehreren Fahrzeugen aufgewirbelt und niedergedrückt worden war.

Die letzte Kurve passierend, präsentierten sich vor uns der Bunker und die ihn umgebende Anlage. Seit unserer Abfahrt wurde die Zeit genutzt, die Stellungen um einen zentralen Wachturm zu ergänzen, der über die ganze Anlage zu wachen schien. Um kein Risiko einzugehen, verlangsamte Anabela die Geschwindigkeit und rollte in Schrittgeschwindigkeit auf die Einfahrt zu.

Augenpaare beobachteten uns und der Lauf eines MGs folgte der Bewegung unseres Fahrzeugs. Als wir nur noch wenige Meter von dem Tor entfernt waren, löste sich hinter einer Stellung eine uniformierte mit einem Sturmgewehr bewaffnete Gestalt und bedeutete uns mit erhobener Hand, den Wagen anzuhalten. Das Gewehr lag mit dem Gurt über der Schulter und die freie Hand lag am Abzug, während der Lauf lose in unsere Richtung gerichtet war.

Eine Sturmhaube verdeckte das Gesicht des Soldaten, so dass ich unmöglich sagen konnte, wer uns da gegenüber stand.

Noch bevor ich etwas sagen konnte, hatte meine Fahrerin die Tür aufgestoßen und war mit erhobenen nach vorne gerichteten Handflächen aus dem Fahrzeug gestiegen. Langsam trat sie auf den Soldaten zu und schon kurz danach begann ein Wortwechsel, dem ich nicht länger nur zuschauen wollte. Angestrengt begann ich meinen Ausstieg und versuchte die Schmerzen in meiner linken Schulter so gut es ging zu ignorieren. Warmes Blut trat aus der Wunde aus und verteilte sich großzügig um die Einschussstelle, während ich die Tür aufstieß und aus dem Fahrzeug stieg.


Sofort umhüllte mich die kalte Luft und drang schneidend in meine Lungen ein. Tapfer hielt ich mich auf den Füßen und stapfte durch den Schnee in die Richtung, in der Ana noch immer mit dem Soldaten verhandelte. Augenpaare richteten sich auf mich, während ich schwankend dem Paar näher kam und je kürzer der Abstand wurde, desto deutlicher wurde die durch die Sturmhaube gedämpfte Stimme des Verteidigers. Jeder Schritt war anstrengender als der zuvor und der Blutverlust wurde zu einem kleinen Problem. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen, aber ich verstand Wortfetzen, sah zwei Augenpaare auf mich gerichtet, hörte die Stimme meinen Namen rufen, erkannte darin Manfred. Die Punkte wurden größer, schwärzer, zahlreicher. Kalt. Stolpere. Schnee. Schwarz. Alles schwarz.

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