Dienstag, 30. Juli 2013

Kapitel 4 - Teil 94

Wie durch Watte drangen die Stimmen an meine Ohren. Vertraute Stimmen, die sich besorgt und mit ernster Stimme über den Gesundheitszustand eines Bekannten unterhielten. Neben der Ernsthaftigkeit schwang noch etwas anderes mit: Hoffnung und Erleichterung. Er mache gute Fortschritte und der Blutverlust wäre nicht so schlimm, wie anfangs gedacht. Außerdem heile die Wunde überdurchschnittlich gut und Komplikationen wären im jetzigen Stadium ausgeschlossen.

Nach einiger Zeit wurde alles deutlicher und ich erkannte den Klang des Arztes, meiner Frau und Anabela. Niemals zuvor hätte ich mir vorstellen können, was es für eine Schinderei sein könnte, seine Augen aufzuschließen. Wie der Rest meines Körpers wollten sie mir nicht gehorchen und ruhig daliegend versank ich in Panik. Es war, als wäre ich gefangen in meinem eigenen Körper, ohne darüber Kontrolle zu haben. Aus meinem Innersten hörte ich Stimmen, die einen Kampf um meinen Körper auszufechten schienen. Undeutliche Stimmen, die sich einen Schlagabtausch in einer mir unbekannten Sprache lieferten.

Wütend versuchte ich mich in den Streit einzubringen, schrie und brüllte und blieb doch stumm. Es zerrte an mir, jedes Wort war wie ein Schlag, jeder Schrei wie ein Messer. War ich wirklich schon wach, oder träumte ich noch? Während um mich herum die Stimmen verstummten, flammten sie in mir weiter auf und übertönten alle von außen auf mich einprasselnden Gespräche. Noch einmal nahm ich alle Kraft zusammen und legte sie in einen Schrei. Verzweiflung trieb mich an und die Angst darum, was passieren könnte, wenn die Stimmen verstummten, ohne dass ich darauf reagieren könnte. Also schrie ich. Ein langgezogener und extrem lauter Schrei löste sich und schüttelte die über mir liegende Starre ab. Es war, als hätte man mir die Kontrolle über meinen Körper zurück gegeben und ich wollte sie auf keinen Fall mehr abgeben.

Panisch riss ich die Augen auf, während ich mich weiter brüllen hörte. Weißes Licht blendete meine Augen, aber ich wagte es nicht meine Augen erneut zu schließen. Schemen standen um mein Bett und sahen zu mir herunter, nahmen langsam Gestalt an und wurden langsam zu vertrauten Gesichtern. Meine Lungen begannen zu schmerzen und ich wusste nicht warum. Erst als sich aus den noch undeutlichen Schemen das Gesicht des Docs abzeichnete, mir näher kam und mir sanfter Stimme zurief, dass ich jetzt in Sicherheit sei und nicht mehr schreien müsse, verstand ich und holte tief Luft.


Meine Frau, Anabela, mein Sohn und ausgerechnet Lehmann standen um mein Bett herum und sahen entsetzt zu mir herab. Also wenigstens meine Frau und mein Sohn, während der Feldwebel und die ehemalige Polizistin davon eher weniger beeindruckt zu sein schienen. Mit frischer Luft in den Lungen hauchte ich ein „Hallo“ in Richtung meiner Familie, was sogleich von Freudentränen und einer ungestümen Umarmung quittiert wurde. Es tat weh, aber die Schmerzen waren mit im Moment egal.

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